US-Präsident Barack Obama wollte lange Zeit nicht in den Irak-Krieg eingreifen – schließlich hatte er seine Truppen dort vor drei Jahren erst abgezogen. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Dschihadisten der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) waren am Donnerstag in einer Blitzoffensive 40 Kilometer nah an Erbil herangerückt und hatten die kurdischen Peschmerga an allen Fronten zum Rückzug gezwungen. Zehntausende Menschen von bedrohten Minderheiten wie Jesiden und Christen wurden zur Flucht gezwungen, es drohte, wie Obama es formulierte, ein Völkermord.

Der US-Präsident sah sich gezwungen, erstmals seit dem US-Rückzug aus dem Irak Luftangriffe dort anzuordnen. Kampfjets flogen Einsätze gegen Artilleriestellungen der Dschihadisten in den Ortschaften Gwer und Mahmour, die in unmittelbarer Nähe der Grenze zum kurdischen Autonomiegebiet liegen. Zudem hätten Drohnen weitere IS-Stellungen angegriffen, sagte Pentagonsprecher John Kirby. Kurz darauf hätten F-18-Kampfflugzeuge sieben Fahrzeuge angegriffen. Die Terroristen seien eleminiert worden, sagte Kirby weiter. Gleichzeitig wies der US-Präsident die Armee an, die 40.000 im Sinjahr-Gebirge von Extremisten eingekesselten Angehörigen der Jesiden aus der Luft mit Lebensmitteln und Wasser zu versorgen. 

In der Nacht zu Freitag warfen drei Hercules-Transporter Versorgungspakete für 8.000 Menschen ab, die sich dort in Höhlen versteckt halten. In der Nacht zu Samstag sollen weitere Hilfsflüge folgen. Nach den Worten Obamas sollen die US-Kampfeinsätze verhindern, dass die Gotteskrieger Erbil angreifen oder ein Massaker unter den Christen und Jesiden anrichten. "Heute kommt Amerika, um zu helfen", sagte der US-Präsident. "Wir können umsichtig und verantwortungsvoll vorgehen, um einen potenziellen Völkermord zu verhindern."

Eine Entsendung von Bodentruppen in den Irak schloss der US-Präsident aus. "Als oberster Befehlshaber werde ich es nicht zulassen, dass die USA hineingezogen werden, einen neuen Krieg im Irak zu führen", sagte er. Es war eines der wichtigsten Vorhaben von Obamas Politik, den verlustreichen Krieg im Irak zu beenden, den sein Vorgänger George W. Bush begonnen hatte.

Unterstützung aus Europa

Großbritannien und Frankreich unterstützten ausdrücklich das amerikanische Vorgehen, schlossen aber eigene Armeeeinsätze aus. Auch Obama hielt mit seiner generellen Skepsis gegenüber einem breiteren militärischen Engagement im Irak nicht hinter dem Berg. Die USA könnten nicht überall auf der Welt eingreifen, wenn es Probleme gebe, sagte er und fügte hinzu, er als Oberbefehlshaber werde nicht zulassen, dass die Vereinigten Staaten in einen neuen Krieg im Irak hereingezogen würden.

Aus militärischer Sicht haben die kurdischen Peschmerga die US-Unterstützung sehr nötig: Ihren Streitkräften fehlt es vor allem an modernen Waffen. Sie verfügen lediglich über sowjetische Altpanzer, die sie nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 beschlagnahmt hatten. Seit einigen Tagen jedoch landen Transportmaschinen auf dem Flughafen von Erbil, die Panzer, Artilleriegeschütze und Raketen entladen.

Wasser als mögliches Kampfmittel

In der Nacht zu Freitag gelang den Gotteskriegern zudem, den strategisch wichtigen Mossul-Staudamm unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Talsperre ist das größte Süßwasser-Reservoir des Irak, von dem Millionen Menschen mit ihrem Trinkwasser und Zehntausende Landwirte mit ihrer Feldbewässerung abhängen. Der Damm selber, der auch über eingebaute Turbinen Strom erzeugt, ist seit Jahren wegen schwerer Konstruktionsmängel in einem schlechten Zustand. Er muss ständig ausgebessert und geflickt werden, weil das gestaute Wasser die sandigen Fundamente unter der gigantischen Betonsperre ausschwemmt und die Stabilität des Damms gefährdet.

Nach einem Katastrophengutachten der irakischen Regierung aus dem Jahr 2009 würde ein Bruch der Staumauer den Pegel des Tigris in der 60 Kilometer entfernten Stadt Mossul schlagartig um 25 Meter erhöhen und mindestens die Hälfte der Stadt unter Wasser setzen. Zusätzlich würden weite Landstriche mit Ackerflächen und Dörfern flussabwärts in den Fluten versinken. Die IS-Kämpfer haben im Irak schon einmal Wasser als Kampfmittel eingesetzt, als sie im April die Schleusen des Fallujah-Dammes am Euphrat schlossen und durch den Rückstau Teile des Gebietes um die umkämpfte Stadt herum unter Wasser setzten.