Die Nachricht kam um kurz vor zehn Uhr: Die Regierung von Premierminister Valls tritt zurück, am Dienstag soll ein neues Kabinett vorgestellt werden. Seit dem Mittag analysieren die französischen Medien die Regierungskrise und den Streit bei den Sozialisten. Die ersten Kommentare der führenden Zeitungen und Wochenmagazine loben das entschlossene Vorgehen, geben aber auch pessimistische Ausblicke.

Das Nachrichtenmagazin "Le Point" schreibt:

"In einer Mischung aus Zynismus, Heuchelei und Provokation brach der Wirtschaftsminister die Solidarität in der Regierung, die der Staatschef zur unüberschreitbaren Linie erhoben hatte und deren Übertretung den Ausschluss des Zuwiderhandelnden bedeuten würde. Überraschend ist Hollande – ganz gegen seine Gewohnheit – nicht in Deckung gegangen. Man spekulierte, dass er einmal mehr nicht den Mut haben würde, eine Entscheidung zu treffen. (…) Am Montagmorgen haben die beiden Spitzen der Exekutive heftig zugeschlagen. Die gesamte Regierung tritt zurück und am Dienstag wird eine neue Mannschaft nominiert. Wer wird geopfert werden? Arnaud Montebourg natürlich. (…) Kurzfristig stärkt Manuel Valls seine Autorität. Er markiert den Unterschied zu seinem Vorgänger Jean-Marc Ayrault, der die Misstöne, Widerworte und Kritiken nicht wahrzunehmen schien. Aber eine Autorität über wen und was? Über eine Regierung, die dazu verurteilt ist, Monat für Monat den Anstieg der Arbeitslosigkeit zu vermelden? Über eine Staatsschuld, die gerade die Marke von 2.000 Milliarden Euro überschritten hat?"

Zum "politischen Orkan" meint der Chefredakteur der "Libération", Laurent Joffrin:

"Der Präsident und der Premierminister wollen eine homogene, disziplinierte Mannschaft, die sich der in der Ansprache vom 31. Dezember fixierten Linie verschreibt: Budgetstrenge, Kompromiss mit den Arbeitgebern, eher liberale Strukturreformen (…) Die schlechten Ergebnisse des letzten Halbjahrs haben den Protest verschärft, den der linke Flügel der Sozialistischen Partei schon seit Monaten lanciert hatte. Der Widerstand artikulierte sich im Herzen der Regierungsmannschaft durch die Stimme eines Wirtschaftsministers, der mit flammender Beredsamkeit die Politik widerlegte, die auszuführen er doch gerade beauftragt war. Man konnte glauben, das sei ein Spiel mit verteilten Rollen, aber überhaupt nicht: Man will nur einen Kopf sehen und vor allem nur einen Diskurs hören. (…) Indem sie sich von Arnaud Montebourg trennt, nimmt die Exekutive ein schneidiges und heißblütiges Schlachtross aus dem Gespann, das mit Begabung die Idee einer alternativen Politik trägt. Die Autorität von Manuel Valls ist gestärkt, aber sie bewegt sich auf einer immer schmaleren Basis. (…) Die Kabinettsumbildung des Herbstes ­– die zweite in vier Monaten – hat das große Risiko, eine heftige Krise der Institutionen herbeizuführen, die die Sozialisten am Ende in ein grausames Dilemma bringt: entweder schließen sie sich einer Politik an, die sie ablehnen, oder sie machen es der eigenen Regierung unmöglich, ihre Aufgabe zu erfüllen, und provozieren eine Auflösung des Parlaments und Neuwahlen, aus denen sie dezimiert hervorgehen würden."

Für den "Nouvel Observateur" analysiert Thomas Guénolé

"In diesem Sommer ist alles, was links von Manuel Valls steht, bis zum Siedepunkt hochgekocht. Vor diesem Hintergrund hat Manuel Valls am Sonntagabend beschlossen, den Part des Feuers zu übernehmen. (…) Die wahrscheinlichste Hypothese ist, dass Arnaud Montebourg am Dienstag nicht mehr Wirtschaftsminister ist. (…) Und zwar aus einem einfachen Grund, der Behauptung der Hierarchie in der Regierung und der Kohärenz der herrschenden Linie. (…) Valls wird in diesem Fall für eine politisch riskante Entscheidung optiert haben, insofern als sie den Protest innerhalb seiner parlamentarischen Mehrheit stärken wird. (…) Um den bisherigen Kurs zu konsolidieren, sollte eine enger zusammenrückende Mannschaft gebildet werden, die fest auf der Linie Hollande-Valls steht: Austerität beim Staatsbudget, angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, Freihandel. Um die Kritiker zu schwächen, sollte man zwei von ihnen entlassen und die Gemäßigten unter ihnen in die Regierung bringen, in Ministerien mit stark sozialer Färbung."

Die letzte Chance des Präsidenten sieht "Le Monde" gekommen:

"Hollande hat tatsächlich entschieden, ohne Aufschub eine Krise auszuräumen, die ihn ebenso wie den Regierungschef bedrohte. (…) Nur fünf Monate nach der Bildung der Mannschaft von Manuel Valls und nach unheilvollen Kommunalwahlen hat diese Dramatisierung, die für den Staatschef sehr ungewöhnlich ist, alle Anzeichen eines Spiels um alles oder nichts. (…) Für Hollande und Valls ist es mehr denn je die Stunde der Wahrheit. Haben sie eine Mehrheit für ihre Politik? Sind sie morgen mehr als gestern fähig, ihr Lager zu überzeugen, dass es keine Alternative zu der entworfenen Politik gebe, wie sie ihm einhämmern? Riskieren sie mit ihrem Gewaltstreich nicht, all jene zusammenzuschweißen, die mehr oder weniger den fixierten Kurs verweigern? Die Antwort wird in den nächsten Stunden kommen. Wie immer sie ausfällt, sie wird für den Präsidenten die letzte Chance sein, seine Amtszeit zu retten."