Entgegen ihrer gebräuchlichen Bezeichnung ist die sogenannte Ukraine-Krise in den vergangenen vier Monaten eher von russischer als von ukrainischer Innenpolitik bestimmt. Nicht alle, aber einige der Hauptursachen sowohl für die Sezession der Krim als auch für den bewaffneten Aufstand in der Ostukraine, liegen in Moskau und nicht in Kiew. Die zunehmenden Aktivitäten des Kremls in der Ukraine sind freilich keine Aggression im eigentliche Sinne. Auch waren sie keine hinreichende Bedingung für den Ausbruch und die Eskalation der Ukraine-Krise.

Eine zeithistorische und vergleichende Betrachtung der Abspaltung der Krim und des sogenannten Bürgerkriegs im Donezbecken (Donbas) offenbart allerdings Moskaus tiefe Involvierung in diese scheinbar innerukrainischen Angelegenheiten. Nach der Krim-Annexion waren die Unterstützung, Bewaffnung und Ausrüstung der prorussischen Separatistenbewegung durch den Kreml wie auch dessen paralleler Propagandakrieg ganz entscheidende zusätzliche, ja notwendige Voraussetzungen dafür, dass die zuvor schon vorhandenen, jedoch gewaltfreien Spannungen im Donbas in einen Krieg umschlugen.

Ohne Zweifel hat die postsowjetische Ukraine seit Beginn ihrer Unabhängigkeit im Jahre 1991 mit enormen soziopolitischen Herausforderungen zu kämpfen, zu denen auch regionale Unterschiede, ethnischer Separatismus und Rechtsextremismus gehören. Gleichwohl haben diese und andere Widersprüche nicht eine relativ stabile und erstaunlich friedvolle Existenz des ukrainischen Staates von 1991 bis Anfang 2014 verhindern können. Wichtiger noch: Die Probleme der Ukraine sind nichts Außergewöhnliches, betrachtet man sie im globalen oder europäischen Kontext. Einige EU-Mitgliedstaaten stehen vor annähernd ähnlichen Herausforderungen, was ihre nationale Einheit und ethnische Vielfalt betrifft. Ganz zu schweigen von etlichen Ländern Asiens oder Afrikas, die mit vergleichbaren Problemen häufig schon weit länger und manchmal noch ernsthafter zu kämpfen haben als der ukrainische Staat.

Die "Ukraine-Krise" in zeitgeschichtlicher Perspektive

So wie die Ukraine von der russischen Propaganda diffamiert und von überraschend vielen derzeitigen westlichen Kommentatoren der Kiewer Politik dargestellt wird, hätte dieser Staat schon früher zerfallen oder zumindest von einem Bürgerkrieg erfasst werden müssen – möglicherweise sogar mehrmals. Angesichts der vermeintlich tiefen Zerrissenheit und des angeblich virulenten Ethnonationalismus der Ukraine scheint unerklärlich, wie dieses geplagte Land so lange so friedvoll existieren konnte. Viele neu gebackene Ukraine-Kommentatoren haben ihr Analyseobjekt erst wegen und anhand der aktuellen Krise kennengelernt. Jedoch hat die Ukraine bereits früher riskanten Herausforderungen gegenübergestanden, auf die sie stets gewaltfrei reagierte. Mitte der 1990er durchlebte die Ukraine eine der tiefsten Wirtschaftskrisen, unter der je eine moderne europäische Nation gelitten hat. Juschtschenkos postorange Präsidentschaft von 2005 bis 2010 war – besonders gegen deren Ende – nationalistischer als sowohl Turtschynows Interimspräsidentschaft von März bis Mai 2014 als auch Poroschenkos gegenwärtige Präsidentschaft. Infolge der Weltfinanzkrise 2008 bis 2010 sank das Bruttoinlandsprodukts der Ukraine um annähernd 15 Prozent und ihre Industrieproduktion um rund 30 Prozent. Glaubt man den heute zahlreichen Schwarzmalern, bleibt rätselhaft, wie die vermeintlich fehlentwickelte ukrainische politische Nation diese und andere schwierige Prüfungen der vergangenen 25 Jahre friedvoll überstand.

Kein von Anfang an fehlkonzipierter Staat

Offensichtlich war und ist die Ukraine ein Land im Wandel – mit vielen Fehlern in der Vergangenheit, zahlreichen ungelösten Problemen der Gegenwart und einem schweren Weg in die Zukunft. Die angebliche besondere Fragilität oder gar von Anfang an fehlkonzipierte Form des ukrainischen Staates sind Thesen, die Russlands internationale Propagandamaschine seit Jahren zu verbreiten sucht. Neben dem Fernsehkanal RT (ehemals Russia Today), dem Rundfunksender Stimme Russlands, der Nachrichtenagentur Ruptly und anderen gibt es Manipulationskanäle, die nicht ohne Weiteres als Kreml-gesteuert erkennbar sind. Dennoch wurden die Legitimität, Institutionen und Grenzen des ukrainischen Staates bis vor Kurzem nie ernsthaft infrage gestellt, ebenso wie der bis vor Kurzem ausschließlich gewaltfreie Konfliktlösungsmechanismus des Landes.

Es ist zwar zum Beispiel richtig, dass vier der zwanzig Ministerposten der unmittelbar nach dem Euromaidan gebildeten Regierung sowie das Amt des Generalstaatsanwalts mit Ultranationalisten besetzt waren. Diese Konstellation war Ergebnis der politisch zwar sekundären, aber öffentlich auffallenden Beteiligung der Rechtsradikalen an den vorangegangenen Anti-Janukowitsch-Protesten. Die Einbeziehung der berüchtigten Swoboda- oder Freiheits-Partei in die nachrevolutionären Exekutivorgane und ihre ungehinderte Teilnahme am Gesetzgebungsprozess gehörten zu den Fehlern der neuen demokratischen Führung der Ukraine.