In der Schweiz muss das Sommerloch wirklich außergewöhnlich groß sein. Dort haben Medien in diesen Wochen eine Debatte aufgewärmt, die sehr egal ist, auf den dritten oder vierten Blick aber doch interessant. Das Stichwort: Großschweiz.

Seit Jahren schon kocht in und rund um dieses Land immer wieder die Idee hoch, Nachbarregionen in den Bund der Kantone aufzunehmen. Sogar eine (gescheiterte) Initiative der Partei SVP gab es dazu. Südtirol, die Lombardei, das südöstliche Frankreich, Baden-Württemberg, Bayern: Würden die nicht wunderbar zur Schweiz passen? Und sie wollen sogar! Es gibt italienische Bürgerinitiativen und süddeutsche Umfragen, französische Kampagnen und immer eine Zeitung, die irgendwie augenzwinkernd darüber berichtet. Ein medialer Spaß, garantiert ohne Folgen.

Die Großschweiz bleibt ein Hirngespinst. Aber dass dieses Hirngespinst auf viele so anziehend wirkt, und dass die Argumente immer wiederkehren, zeigt dann doch etwas über die zahlreichen Anhänger der Idee: Sie betrachten Grenzen und nationale Zugehörigkeiten als eine Sache von Angebot und Nachfrage.

Denn es geht dabei nicht um Identitäten. Sondern um Kalkül und eigene Vorteile. An der französischen Grenze zur Schweiz träumen sie von 3 Prozent Arbeitslosigkeit, wenn sie die Nationalität wechseln würden. Als die Schweizer Weltwoche die Bewohner der Nachbarregionen fragte, ob sie der Schweiz beitreten wollen, war dabei die Sprache besonders aufschlussreich. Vom "Exportschlager direkte Demokratie" ist die Rede, von "wirtschaftlicher Attraktivität". Der erste Kommentator unter dem Text zieht dann gleich die ökonomische Grenze in die Aufnahmebereitschaft ein: "Passen" würden zur Schweiz nur Vorarlberg und Süddeutschland, so "effizienzmäßig", wie er schreibt.

Als eine OECD-Studie feststellte, dass Baden-Württemberg und Bayern in ihrer Wirtschaftsleistung der Schweiz ähnlicher sind als dem Rest Deutschlands, bekam sich die Schweizer Boulevardzeitung Blick nicht mehr ein in ihren industriepolitischen Träumereien. Sie schwärmte von hohen süddeutschen Beschäftigungsquoten, der Arbeitsmoral und der Automobilindustrie, die "wäre Balsam für die Industrienation Schweiz". Eine Fusion der Produktivitätsmonster, die eher zufällig auch politische Gebilde sind.

Dass nach dieser Logik die wirtschaftlich schwächeren Regionen irgendwann in einem Reste-Staat der Ungewollten landen würden, ist eine allzu ferne Dystopie, die natürlich genauso großer Quatsch ist wie die hyperpotente Großschweiz.

Solche Träume sind gedankliche Ausflüchte aus einer Realität mit festen nationalen Grenzen und den damit verbundenen Pflichten, die vor allem für die Starken lästig sind. Länderfinanzausgleich? Wenn Bayern und Baden-Württemberg einfach ganz in die Schweiz wechseln, müssen sie auch nie mehr für Restdeutschland zahlen. So wie Norditalien als Schweizer Kanton nicht mehr für die armen Sizilianer aufkommen müsste.

Dass sich das Hirngespinst vom großschweizer Bündnis so zäh hält, dass es so viele – wenn auch meist augenzwinkernde – Anhänger hat, deutet am Ende doch auf etwas Ernstes: die Sehnsucht der Starken, weniger Solidarität üben zu müssen mit den Schwachen in ihrem Staat. Sie träumen von der Entsolidarisierung.