Seit Tagen war es in Ankara ein offenes Geheimnis, wen der scheidende Premierminister Recep Tayyip Erdoğan zu seinem Nachfolger ausersehen hatte: Außenminister Ahmet Davutoğlu. Aber Erdoğan selbst übte sich bis zuletzt in Geheimniskrämerei: "Alles wird sich fügen", orakelte er. Fügen muss sich vor allem einer: Davutoğlu, der den designierten Staatschef Erdoğan als Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) beerben soll. An diesem Donnerstag nominierte Erdoğan den bisherigen Chefdiplomaten in einer Sitzung des Parteivorstandes als seinen Nachfolger. Die Bestätigung durch den AKP-Sonderparteitag am Mittwoch gilt als Formsache. Tags darauf wird Erdoğan ins Präsidentenamt wechseln und Davutoğlu seine Nachfolge als Premier antreten.

Der 55-Jährige stammt aus dem zentralanatolischen Konya, Anatoliens Hochburg der Frömmigkeit. Er absolvierte das angesehene Istanbul Lisesi, eine deutsche Auslandsschule, um danach an der Bosporus-Universität Politische Wissenschaften zu studieren. Seit 1990 arbeitete Davutoğlu an der Istanbuler Marmara-Universität, 1993 wurde er Dozent und 1999 Professor. Nach dem Wahlsieg der AKP Ende 2002 berief Erdoğan den Politikprofessor zum außenpolitischen Chefberater und machte ihn 2009 zum Außenminister. Der Vater von vier Kindern spricht Deutsch, Englisch und Arabisch.

Als Chefdiplomat hinterlässt Davutoğlu aber eine durchwachsene Bilanz. Sein ambitioniertes Motto "Null Probleme mit den Nachbarn" blieb eine Fata Morgana. Heute könnte man sagen: Die Türkei hat "nur Probleme mit den Nachbarn". Alte Probleme, mit Zypern, Griechenland und Armenien, sind ungelöst, neue hinzugekommen: mit dem Irak, Syrien, Ägypten und Israel. Davutoğlu wollte die Türkei zur Führungsmacht der Region machen. Im Nahen Osten werde sich ohne Einwilligung der Türkei künftig "keine Fliege bewegen" können, er träumte von einer "Peripherie des Friedens". Stattdessen toben jetzt gleich zwei Bürgerkriege an den Grenzen der Türkei. Die westlichen Verbündeten der Türkei betrachten Davutoğlu mit Misstrauen. Der Verdacht, die Türkei habe die Terrormiliz IS in Syrien unterstützt, steht weiter im Raum – trotz der Dementis aus Ankara.

Nur eine Nebenrolle

Auch in den eigenen Reihen ist Davutoğlu inzwischen umstritten. Man wirft ihm vor, die Entwicklung in Syrien und im Irak völlig falsch eingeschätzt zu haben. Die Erwartung, das Assad-Regime in Syrien werde binnen weniger Wochen gestürzt, hat sich nicht erfüllt. Dann schlug Davutoğlu Warnungen vor einer befürchteten Gefährdung des türkischen Konsulats im nordirakischen Mossul in den Wind. Er glaubte wohl, die IS-Dschihadisten würden türkische Interessen schützen. Doch am 10. Juni stürmten Kämpfer der Terrormiliz das Konsulat und entführten 49 Menschen. Das Schicksal der Verschleppten ist ungewiss. Davutoğlu droht zwar mit "harter Vergeltung". Niemand solle die Geduld der Türkei auf die Probe stellen, warnte der Außenminister. Doch im Grunde ist Ankara machtlos. Inzwischen ließ die türkische Regierung eine Nachrichtensperre über den Fall verhängen, um wenigstens so den politischen Schaden zu begrenzen.

Trotz solcher Fehlschläge erfüllt Davutoğlu aber Erdoğans Anforderungsprofil an den künftigen Partei- und Regierungschef in nahezu idealer Weise: Er ist erzkonservativ, tief religiös und absolut loyal. Als Außenminister hielt er sich stets an die von Erdoğan vorgegebene Linie, auch wenn es ihm manchmal schwer gefallen sein mag, wie etwa bei Erdoğans Hasstiraden gegen Israel. Politisch ist Davutoğlu so etwas wie Erdoğans Alter Ego. Er wird als Premierminister keine eigenen Ambitionen entwickeln, sondern die Direktiven aus dem Präsidialamt auf dem Hügel von Cankaya eins zu eins umsetzen.

Erdoğan hat bereits angekündigt, die Kompetenzen, die ihm das neue Amt gibt, in vollem Umfang ausschöpfen zu wollen. Dass er als erster Präsident in der Geschichte der Republik direkt vom Volk gewählt wurde, gebe dem höchsten Staatsamt künftig besonderes Gewicht und seinem Inhaber eine zusätzliche Legitimation. So will Erdoğan von seinem Recht Gebrauch machen, das Kabinett unter seinem Vorsitz einzuberufen. Er denke daran, das einmal im Monat zu tun. Beobachter erwarten außerdem, dass Erdoğan im Präsidialamt einen "Rat der Weisen", eine Art Schattenkabinett etablieren wird. Damit ist klar: Dem künftigen Premier und seinen Ministern sind eigentlich nur Nebenrollen zugedacht.