Heute ist der Tag, an dem Recep Tayyip Erdoğan die Ernte einstreicht. Sein Sieg bei der Präsidentschaftswahl ist der Höhe- und Wendepunkt einer gigantischen politischen Kampagne, die er seit über einem Jahrzehnt betreibt. Mit seiner Partei AKP hat Erdoğan der konservativ-religiösen Bevölkerung in den vergangenen zwölf Jahren eine politische Stimme verliehen. Er hat ihnen zu Wohlstand verholfen, und mit seinem Selbstbewusstsein ist auch das seiner Anhänger gewachsen. Er hat es geschafft, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie lediglich ihm vertrauen müssen, damit alles immer besser wird. Die Treue Erdoğans Wähler ist über all diese Jahre auf ein Ausmaß gewachsen, das in jedem europäischen Land unvorstellbar ist. Ihr Bündnis hat Züge einer Glaubensgemeinschaft.

Das hat Erdoğan nun benutzt, um das Präsidentenamt zu stürmen. Wie es nun weitergeht, ist absehbar: Er wird auch aus dem neuen Amt die Geschicke des Landes fast im Alleingang lenken und das parlamentarische System nach und nach zu einem autoritär-präsidialen umbauen. Die Pläne dafür liegen schon lange auf dem Tisch. Wenn Erdoğans Amtszeit als Präsident 2017 endet, wird er länger an der Spitze des Staates gestanden haben als der vergötterte Republikgründer Atatürk. Und dann könnte er noch immer für fünf weitere Jahre antreten. Die Türkei wird zum Staate Erdoğan und es gibt keinerlei Anzeichen, dass er in seiner Machtausübung auf irgendetwas oder irgendwen Rücksicht nehmen würde.

Erdoğan tut schon lange nicht mehr so, als verstünde er sich als Premier beziehungsweise Präsident aller Türken. Seit er an die Macht kam, raunten seine Gegner von einer vermeintlichen "hidden agenda", von einem geheimen Plan Erdoğans, der darauf abziele, die Türkei langsam, aber sicher muslimisch-konservativ umzubauen, zu einem religiös und autoritär geführten Staat. Jahrelang taten die meisten westlichen Beobachter das als eine jener Verschwörungstheorien ab, wie sie typisch sind für die türkische politische Kultur. Erdoğans Reformen deuteten lange in eine andere, liberalere Richtung. Ob sein Kursschwenk in den vergangenen Jahren nun tatsächlich geplant war oder nicht: Er gibt all jenen in ihren Unterstellungen Recht, die hinter allem, was der politische Gegner tut, Umsturzpläne vermuten. In Zukunft wird niemand mehr irgendwem irgendetwas glauben. Die vergangenen ein, zwei Jahre haben die politische Kultur in der Türkei um Jahre zurückgeworfen.

In einer Türkei, in der fast alle Medien direkt oder indirekt von der Regierung kontrolliert werden, in der der Vize-Premier den Frauen das Lachen verbieten will und religiöse Regeln mit staatlicher Macht durchgedrückt werden, haben diejenigen, die so nicht leben wollen, nur drei Alternativen: Sie wehren sich und werden von Erdoğans Polizeistaat niedergeknüppelt, so wie bei den Gezi-Protesten. Sie flüchten sich in die innere Immigration, werden zu Dissidenten und heimlichen Gegnern des eigenen Staates. Oder sie verlassen das Land und suchen ihre Freiheit im Exil. Alle drei Wege sind fatal für die Türkei, weil sie die Gesellschaft spalten und gerade viele der gebildetsten jungen Leute ins Ausland treiben.

Die außenpolitische Isolation dürfte größer werden

Noch sind die Opposition und die Zivilgesellschaft sehr lebendig in der Türkei. Der Kandidat der kurdischen Partei, Selahattin Demirtas, ist für viele junge, liberale Türken zum Hoffnungsträger geworden. Obwohl seine Partei wegen der Nähe zu den Kämpfern der PKK und ihrem Anführer Abdullah Öcalan für viele eigentlich prinzipiell unwählbar ist, erreichte Demirtas nach aktuellem Auszählungsstand bombastische neun Prozent der Stimmen. Er machte Wahlkampf für Minderheitenrechte und gegen eine Politik, die in die Leben der Menschen hineinregiert. Dass Demirtas landesweit nach aktuellen Zahlen auf fast neun Prozent der Stimmen kommt, ist deshalb doppelt gut: Es zeigt, dass auch Nicht-Kurden mittlerweile Kurden wählen und diese Front, die das Land seit Jahrzehnten zerreißt, endlich überwindbar wird. Und es zeigt, dass eine relevante Gruppe der türkischen Wähler die Bedrohung der Freiheiten durch Erdoğans Regierungsstil als existenziell bedrohlich empfindet.

So wie die innenpolitische Spaltung dürfte auch die außenpolitische Isolation größer werden. Erdoğan und seine Mitstreiter achten dabei fast nur noch darauf, stark auszusehen. Das zeigt sich im Wüten gegen Israel wie in den Angriffen auf ausländische Medien – überall Feinde, die die starke Türkei im Alleingang besiegen muss. Diese neo-osmanische Politik hat nur das Ziel, das Selbstbewusstsein der Türken nationalistisch aufzupumpen. Und er selbst ist ihr Sultan. Nach dem Wahlsieg betete er zum Dank in jener Istanbuler Moschee, in dem auch die Kalifen und Sultane beteten, bevor sie den Thron bestiegen. Sie sollen sich wie Sultane fühlen.

Was bedeutet all das für Deutschland, für die EU, und für die Dynamiken im mittleren Osten? Die Türkei unter Erdoğan ist kein Vertrauter mehr. Sie ist ein Mitspieler, dessen Interessen und Positionen mal mit denen des Westens übereinstimmen werden (wie im Kampf gegen die islamistischen Terroristen der IS) und mal zuwider laufen (wie im aktuellen Gaza-Krieg). Weite Teile der Türkei sind Europa unwahrscheinlich nah, gerade Deutschland hat mehr Verbindungen zur Türkei als zu fast allen anderen Gesellschaften. Gerade deshalb ist es so ein großes, für viele persönliches Drama, dass der türkische Erdoğan-Staat ab sofort offiziell ein Fremder ist.