Robert Leicht, 70, ist Politischer Korrespondent der ZEIT. Von 1992 bis 1997 war er ihr Chefredakteur. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender der Schule Schloss Salem e.V. © Nicole Sturz

Was man immer schon begründet vermuten musste, auch wenn es russische Politiker eifrig vor der Welt und die russophilen Trolle wütend in den Kommentarspalten der Onlineportale bestritten – jetzt haben wir es gewissermaßen amtlich von den Aufständischen in der Ostukraine: Die Separatisten in der Ostukraine haben nach eigener Darstellung massive militärische Unterstützung aus Russland erhalten. 30 Panzer sowie 1.200 auf russischem Gebiet ausgebildete Kämpfer seien zur Verstärkung gekommen, verkündete ihr Anführer Andrej Sachartschenko in einem Video. Na, also… So gesehen sind auch die fast dreihundert weiß gestrichenen russischen Lastwagen, die humanitäre Hilfe herbeischaffen sollen, so etwas wie ein ablenkendes Kollateralgeschäft – demgegenüber jede ukrainische Vorsicht (und die des Internationalen Roten Kreuzes) durchaus angebracht erscheint.

So sind nun wenigstens die Fronten klarer. Aber an einer anderen Front wird die Lage verwirrender: Wenn nämlich die offenkundige Intervention Russlands in die inneren Angelegenheiten der Ukraine politisch und völkerrechtlich zu verurteilen ist – wie verhält es sich dann mit der humanitären Intervention auch der Bundesrepublik und der Bundeswehr im Norden des Irak, zum Schutze der dort von der Terrororganisation Islamischer Staat mörderisch verfolgten Minderheiten? Wäre ich ein Troll oder ein Putin-höriger Sprecher, würde ich behaupten: Auch Russland mischt sich im Osten der Ukraine doch nur ein, um eine humanitäre Katastrophe abzuwenden – wenn der Westen das im Nordirak darf, weshalb nicht auch wir?

Dagegen wäre zu halten: Wenn zwei etwas Ähnliches tun (nämlich intervenieren auf dem Gebiet eines anderen Staates), tun sie noch lange nicht dasselbe. Also muss man die Situationen möglichst genau vergleichen und voneinander unterscheiden.

Ukraine und Irak sind nicht zu vergleichen

Erstens: Russland unterstützt in der Ukraine Separatisten, die die völkerrechtlich anerkannte Regierung bekämpfen. Moskau unterstützt Leute, die den Kampf gegen den anerkannten Staat angefangen haben. Der Westen hingegen unterstützt im Nordirak den Kampf gegen die mörderischen Separatisten des Islamischen Staates, die damit angefangen haben, den völkerrechtlich anerkannten Staat aus den Angeln zu heben. Nachgeordnetes Problem freilich: Was geschähe, wenn eines Tages die auch von uns ausgerüsteten Kurden mit diesem Material ihrerseits separatistisch einen Kurdenstaat abspalten wollen – vom Irak, dem Iran, der Türkei, von Syrien?

Zweitens: Russland geht es ja nicht um die humanitäre Hilfe für Verfolgte, nach deren Ableistung sich Moskau wieder zurückzieht, sondern um die territoriale Ausdehnung auf das Nachbarland, also – wie schon die Annexion der Krim bewiesen hat – um Eroberung, um Wiedereroberung. Die Europäer könnten schon der geografischen Lage wegen derlei eroberische Arrondierung ihres Territoriums nicht im Sinn haben.

Das fatale Erbe des George W. Bush

Es bleibt freilich das erste Dilemma, das an sich löbliche, aber historisch selten befolgte Verbot der Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates – das konsequent nur durchzuhalten wäre, wenn man menschenschlachtende Diktatoren gewähren oder massenmörderische Bürgerkriege ungerührt geschehen ließe.

Und es bleibt das zweite Dilemma, nämlich das fatale historische Erbe des von George W. Bush mit Propagandalügen gestarteten zweiten Irakkrieges, zu dessen Abfallprodukten nun auch die jüngste Krise um den Islamischen Staat gehört. Sein Vater hatte sich im ersten Irakkrieg darauf beschränkt, Saddam Hussein aus dem völkerrechtswidrig eroberten Kuwait wieder zu vertreiben, hat aber von einem regime change die Finger gelassen, was natürlich auch wieder in das Dilemma Nummer eins führte.

Mitunter reduziert sich eben politisches Handeln auf die Wahl zwischen zwei Dilemmata. Was die Europäer dann wieder erfahren könnten, wenn man sich in der Ukraine-Krise eines Tages für das geringere Übel entscheiden müsste.