Die Ukraine kämpft derzeit an mehreren Fronten: Die Wirtschaft des Landes gräbt sich immer tiefer in den Boden; ein Ende des Kriegs im Osten ist nicht absehbar; gleichzeitig wollen Politiker in den europäischen Hauptstädten endlich Zeichen der Entspannung sehen. Das Verständnis für eine militärische Lösung im Sinne der Ukraine schwindet. Nun treffen sich die wichtigsten Akteure der Krise, der ukrainische Präsident Petro Poroschenko und sein russischer Gegenspieler Wladimir Putin in der weißrussischen Hauptstadt Minsk.

Das sieht zunächst nach einem Zeichen der Entspannung aus. Doch was werden sich die beiden Männer zu sagen haben? Können sich Putin und Poroschenko noch vertrauen? Angesichts der extrem auseinanderliegenden Positionen scheint das äußerst unwahrscheinlich.

Ein Waffenstillstand kommt aus Sicht Kiews derzeit eigentlich nicht infrage, er käme einer Niederlage gleich. Über Wochen haben das ukrainische Militär und halboffizielle Bataillone die Separatisten zurückgedrängt und die Belagerungsringe um die Großstädte Donezk und Luhansk immer enger gezogen. Auch viele unbeteiligte Opfer hat die Regierung dabei in Kauf genommen.

Poroschenko unter Druck

Der ukrainische Präsident, der im Privaten Russisch spricht, hat zwar zu Beginn seiner Amtszeit den östlichen Regionen Zugeständnisse versprochen. Darunter auch einen Sonderstatus für die russische Sprache und eine größere Autonomie der regionalen Regierungen. Doch Voraussetzung dafür ist aus Sicht der Ukraine die Wiederherstellung der vollständigen militärischen und verwaltungstechnischen Kontrolle über den Osten. Zumal Poroschenko mit einem frühzeitigen Friedensangebot an die selbsternannten Volksrepubliken einen Großteil der patriotischen Ukrainer und auch viele Männer, die im Osten auf Seiten der Regierung kämpfen, verprellen würde. Radikale Parteien könnten bei der Parlamentswahl in zwei Monaten dann deutlichen Zulauf bekommen.

Exemplarisch dafür steht die äußerst nervöse Reaktion der ukrainischen Öffentlichkeit auf Friedensforderungen aus Europa, insbesondere aus Deutschland. Immer wieder tauchen Parallelen zum Molotow-Ribbentrop-Pakt auf, als das damalige Nazideutschland und die Sowjetunion das Schicksal Polens über die Köpfe der Bevölkerung hinweg bestimmt haben. Einige Kiewer Zeitungen warfen Poroschenko etwa vor, er treffe sich nur mit Putin, um Kanzlerin Angela Merkel zu gefallen.

Russland seinerseits hat bisher, abgesehen von Lippenbekenntnissen, nichts unternommen, was eine Deeskalation im Osten der Ukraine ermöglichen würde. Putins Ziele bleiben äußerst vernebelt: Offiziell plädiert Moskau für eine Föderalisierung und Blockfreiheit der Ukraine sowie Schutz für die ethnischen Russen dort. Nach Monaten des bewaffneten Konflikts und der Annexion der Krim weiß aber niemand mehr genau, was derzeit die wirklichen Maximal- oder die Minimalforderungen des Kremls sind. Lange Zeit sah es danach aus, als suche Putin nach einer Exitstrategie aus dem Konflikt, die es ihm erlauben würde, die Annexion der Krim zu zementieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Ukraine in absehbarer Zukunft nicht Teil der Nato sein wird.