Kurdische Flüchtlinge aus Syrien auf dem Weg in die Türkei am Grenzübergang Yumurtalık © Stringer/Getty Images

Der designierte Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, würde vermutlich US-Präsident Obama in seiner Einschätzung der Weltlage zustimmen: "Wenn man die Abendnachrichten anschaltet, könnte man denken, dass die Welt gerade zerfällt." Vom Südsudan bis Gaza, vom kriegsgeschundenen Syrien bis zum von Ebola heimgesuchten Westafrika – es war ein Sommer des Leidens.

Die neue Kommission wird es mit mehr internationalen Krisen zu tun haben als jemals zuvor in der Geschichte der Europäischen Union. Auf den nächsten Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Christos Stylianides, warten schwierige Entscheidungen in der Frage, wie einer noch nie dagewesenen Zahl von Flüchtlingen und Konfliktopfern aus Syrien, dem Irak, dem Gazastreifen, dem Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik und Somalia am besten geholfen werden kann.

Die Europäische Union ist weltweit der größte Träger für Auslandshilfe, und unter der kompetenten Leitung der aus dem Amt scheidenden Kommissarin Kristalina Georgieva hat die EU auch wichtige Schritte unternommen, um einer der einflussreichsten Geldgeber der Welt zu werden. Georgieva hat beispiellose Finanzmittel für Millionen von Menschen in Not mobilisiert, und sie hat Führungspersönlichkeiten weit über Europa hinaus dazu gebracht, das Ausmaß vernachlässigter Krisen wie zum Beispiel der in der Zentralafrikanischen Republik zu erkennen.

Die UN haben in vier Ländern gleichzeitig die höchste Stufe humanitärer Notlage, Stufe 3, ausgerufen. Zum ersten Mal seit den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs übersteigt die Zahl der weltweiten Flüchtlinge, Asylsuchenden und im eigenen Land Vertriebenen 50 Millionen. Und der Klimawandel wird aufgrund von immer stärkeren Naturkatastrophen noch mehr Menschen zur Flucht zwingen.

Aber in den vergangenen Jahren sind Nothilfemaßnahmen effektiver und auch kosteneffizienter geworden, selbst unter den extremsten Bedingungen. Sowohl die Sterblichkeit als auch Krankheiten sind zurückgegangen, während sich Ernährung, sanitäre Versorgung und Ausbildung im Vergleich zu den meisten Notlagen der vergangenen zwei Jahrzehnte verbessert haben.

Doch dieser Fortschritt ist jetzt bedroht. Krisenzeiten, wie wir sie im Moment erleben, stellen bisher nicht gekannte Anforderungen an das System internationaler Hilfe. Wir empfehlen dem kommenden EU-Kommissar für humanitäre Angelegenheiten Christos Stylianides den folgenden drei Herausforderungen seine dringende Aufmerksamkeit zu schenken:

Erstens muss ermöglicht werden, dass alle Menschen in Notlagen erreicht und humanitäre Helfer müssen geschützt werden können. Allein in Syrien gibt es 4,7 Millionen Opfer des Konfliktes, die in Gegenden leben, die für humanitäre Organisationen schwierig oder gar nicht zu erreichen sind. Weil Konfliktparteien uns blockieren, stehen wir entweder vor administrativen Hindernissen, die lokale oder regionale Behörden uns auferlegen, oder aber es ist schlichtweg zu gefährlich für unsere Mitarbeiter. Es ist die traurige Wahrheit, dass die zweite UN-Resolution, die grenzüberschreitende Hilfslieferungen gefordert hatte, nicht die gewünschte Wirkung zeigte und die Bedürfnisse nicht gedeckt werden konnten. 

Im vergangenen Jahr wurden weltweit 460 Hilfsarbeiter getötet, schwer verwundet oder entführt, was bedeutet, dass die Zahl sich seit 2012 verdoppelt hat. Die EU und die UN müssen verstärkt untersuchen, wie und warum die Zivilbevölkerungen und Hilfsarbeiter von Aleppo bis Mogadischu fortlaufend angegriffen werden, da dies gegen sämtliche internationale Gesetze der vergangenen zwei Jahrhunderte verstößt.

Zweitens sind zu viele von denen, die vor Konflikten oder Naturkatastrophen fliehen, in langwierigen Krisen gefangen. Bei zukünftigen humanitären Einsätzen muss es sowohl um finanzielle als auch soziale Leistungen gehen. Es kann nicht der Sinn von Soforthilfeprogrammen sein, über lange Zeiträume hinweg in den immer gleichen Gebieten eingesetzt zu werden. Millionen von afghanischen Flüchtlingen sind seit mehr als drei Jahrzehnten im Exil, und das trotz der enormen Summen, die seitdem in Sicherheit, Entwicklung und humanitäre Hilfe geflossen sind. Natürlich muss die Reaktion auf die Ebola-Krise in Westafrika die unmittelbare Ansteckungsgefahr in Angriff nehmen, aber die Krise ist auch ein Beispiel für ein nationales Gesundheitssystem, das den Herausforderungen nicht gewachsen ist. Wir müssen also sowohl das Problem der in die Länge gezogenen Krise und der fehlenden Vorbereitung angehen als auch dessen zyklisch wiederkehrende Symptome.

Und schließlich, drittens, gibt es einen Reformbedarf bezüglich der Art und Weise, wie wir Hilfe zur Verfügung stellen. Wir müssen die Stimmen der Empfänger stärken, stärkere Partnerschaften mit lokalen Gemeinschaften schließen, die Hilfsprogramme nachhaltiger gestalten, und wir müssen eine stärkere Beweisgrundlage über die Wirkung von Maßnahmen erstellen. Die anhaltende Serie menschengemachter und Naturkatastrophen, die die unschuldige Zivilbevölkerung treffen, hat die Ressourcen überlastet. In städtischen Gebieten der von Konflikten betroffenen und instabilen Ländern ist die Anzahl vertriebener Menschen enorm, und dies hat die Fähigkeit des humanitären Sektors eingeschränkt, so schnell und effektiv zu handeln, wie wir es uns wünschen würden. Das bedeutet, dass wir in Zukunft nicht nur härter, sondern auch klüger arbeiten müssen. 

Wir sind gewohnt zu denken, dass politische Instabilität humanitäre Tragödien mit sich bringt. Und das ist auch immer noch richtig. Aber in der modernen, eng verflochtenen Welt gibt es zunehmend Belege dafür, dass humanitäre Tragödien ihrerseits politische Instabilität herbeiführen.

Das bedeutet, dass Europas neue Spitzenpolitiker eine Chance und eine Verantwortung haben, jetzt sowohl strategisch als auch taktisch zu denken. Es braucht eine weltoffene Europäische Union, die ihre einzigartige Mischung aus "harter" und "weicher" Macht einsetzt, um die notwendigen Veränderungen rund um die Welt einzuleiten, damit diese am Ende nicht doch zerfällt. Ressourcen dafür gibt es mehr als genug.

Englische Version dieses Artikels: "EU Leadership in an Age of Crises"