Es gibt ein Missverständnis, was den Begriff "Putin-Versteher" betrifft. Ich zum Beispiel versuche sehr ernsthaft, einer zu sein. Das Problem ist bloß: Nichts von dem, was ich mir aus seinen Äußerungen und Gedankengängen zu erschließen versuche, gefällt mir.

Man muss natürlich vorsichtig sein. Wer guckt schon in anderer Leute Köpfe. Nähern wir uns deshalb mit drei vermutlich konsensfähigen Hypothesen der Denkart Putins an.

Angenommene Putin-Überzeugung Nummer eins: Der Westen rückt seit 25 Jahren in einem gefährlichen Dreierschritt an Russland heran. Erst gibt es Freihandelsabkommen. Dann eine EU-Mitgliedschaft. Zum Schluss den Nato-Beitritt. Das muss jetzt mal ein Ende haben, denn es schadet den russischen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen. Es braucht eine neue Containment-Politik: Nicht des Westens gegen den Osten, sondern des Ostens gegen den Westen.

Überzeugung Nummer zwei: Die Nach-Kalter-Krieg-Ordnung ist ungerecht. Die Nato-Staaten haben die Sowjetunion nach 1990 über den Tisch gezogen; Europa hat seine Einheit bekommen und sich ausgedehnt, die UdSSR zog – für ein paar Milliarden D-Mark und Soldatenwohnheime – ihre Truppen aus Osteuropa ab. Dann kollabierte sie. Eine Katastrophe.

Überzeugung Nummer drei: Die Welt braucht mindestens zwei Supermächte, um in Balance zu bleiben. Eine unipolare Weltordnung bedeutet globale Diktatur. Amerika kann machen, was es will. Das stürzt die Welt ins Unglück, siehe Irak.

Soweit also verstehe ich Putin. Und eben soweit finde ich dieses Denken verkehrt und gefährlich unreflektiert.

Wieso, erstens, schadet ein Heranrücken von EU und Nato den Interessen Russlands? Die Nato hat sich zwar erweitert, aber Russland nie bedroht. Sie hat im Gegenteil immer wieder Angebote zur Zusammenarbeit gemacht, von Abrüstungs- und Verifikationsverträgen über den Nato-Russland-Rat bis hin zur gemeinsamen Raketenabwehr. Inwiefern ist Russland denn an den Grenzen zu Norwegen, Estland, Lettland und Litauen in seiner Sicherheit gefährdet? Oder durch das EU-Mitglied Finnland?

Putin braucht ein Feindbild

Die Wahrheit ist, dass Russland vom Wohlstand und der Stabilität dieser Staaten profitiert, in Form von regionalpolitischen Zweckbündnissen und engen wirtschaftlichen Verflechtungen. Das wäre auch im Falle der Ukraine so. Aber das kann Putin natürlich nicht zugeben, denn dann würden immer mehr Russen sich fragen, warum sie nicht auch beides haben können: Wohlstand und Demokratie.

Putin braucht die Nato innenpolitisch als Feindbild. Mit der Propaganda von der "Einkreisung" lassen sich prächtig Aufrüstung, Vorwärtsverteidigung und Sehnsüchte nach einem starken Führer befeuern. Wenn sich in den vergangenen zehn Jahren jemand bedrohlich verhalten hat, dann Putin selbst: Er hat in dieser Zeit den Verteidigungshaushalt verdoppelt – von der Institutionalisierung antiwestlicher Propaganda ganz zu schweigen.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion, Punkt zwei: Er war, anders als Putin denkt, keine Katastrophe, sondern ein Glücksfall. Wie kann man ernsthaft einem totalitären Polizei- und Überwachungsstaat nachtrauern, der über 70 Jahre lang unzählige Leben zerstört, freies Denken unterdrückt und keine politischen Wahlmöglichkeiten geduldet hat? 

Man kann das natürlich, wenn man niemals selbstkritisch, sondern grundsätzlich nostalgisch-glorifizierend auf die eigene Geschichte blickt. Meinungsumfragen zeigen, dass eine Figur wie Stalin in Russland ein wachsendes Standing genießt. 21 Prozent der Russen sagen, sie hätten "Respekt" für Stalin. 32 Prozent empfinden ihm gegenüber "Gleichgültigkeit".

Nur zur Erinnerung: Stalin war einer der schlimmsten Massenmörder der Weltgeschichte. Dass einer Mehrheit der Russen das offenbar egal ist, zeigt den Mangel an Vergangenheitsbewältigung nach dem Untergang der UdSSR. Mit so einem langmütigen Publikum haben Autokraten natürlich leichtes Spiel.

Am ehesten nachvollziehbar ist noch die dritte Ansicht, die Welt brauche mehr als eine Supermacht. Sicher, Balance ist immer gut. Aber eine freiheitliche Demokratie, selbst wenn sie viele Fehler macht, lässt sich schwerlich mit einer illiberalen Demokratur aufwiegen. Ein Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten? Her damit. Aber bitte nicht dieses Putin-Russland.