Mit einem leidenschaftlichen Appell hat sich Großbritanniens Premierminister David Cameron an die Schotten gewandt und zum Erhalt der britischen Union aufgerufen. Vor dem Referendum über die schottische Unabhängigkeit sagte Cameron in einer Rede in Aberdeen, Großbritannien sei "das großartigste Beispiel für eine Demokratie, das die Welt kennt".  

Cameron rief den Schotten zu: "Bitte, bitte, bleibt bei uns!" Bei dem Referendum gehe es nicht um Personen oder Parteien, sondern um die Zukunft von Schottland und Großbritannien. Die Union zu verlassen, wäre für Schottland wie mit viel Mühe ein Haus zu bauen und dann die Schlüssel wegzuwerfen. 

Es war das zweite Mal, dass Cameron nach Schottland gereist war, um vor dem Referendum für die Union zu werben. Aberdeen ist das Zentrum der Öl- und Gasförderung in der Nordsee. Diese steht im Mittelpunkt der Debatte über die Vor- und Nachteile einer Unabhängigkeit, weil die Gewinne aus der Rohstoffförderung künftig allein an das unabhängige Schottland fließen könnten.

Cameron droht vor unwiderruflichen Konsequenzen

Cameron war für seine spärlichen Auftritte in Schottland kritisiert worden, zudem wurde ihm seine Strategie der Angst negativ ausgelegt. Vergangene Woche hatte er erstmals in Edinburgh gesprochen und gesagt, ein Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs würde ihm das Herz brechen.   

Ungeachtet aller Kritik drohte Cameron in Aberdeen ein weiteres Mal vor den Konsequenzen. Der Regierungschef sagte, sollten die Schotten für die Unabhängigkeit stimmen, würde das für sie den Verlust ihrer Renten, ihrer britischen Pässe und des britischen Pfunds als Währung bedeuten. Diese Entscheidung sei unwiderruflich: "Da gibt es keine Wiederholung, keine Wiederkehr, das ist eine Entscheidung ein für alle mal", sagte Cameron und warb noch einmal: "Mit Kopf, Herz und Seele wollen wir, dass Sie bleiben."

Im Falle des Verbleibs in Großbritannien versprach er erneut ein Maximum an Autonomie. "Sie erhalten die Macht, Ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, mit der Sicherheit, im Vereinigten Königreich bleiben zu können."  

Mehr als vier Millionen Einwohner Schottlands sind am Donnerstag aufgerufen, mit "Ja" oder "Nein" über die Unabhängigkeit von Großbritannien zu entscheiden. Am Wochenende sahen Umfragen der Institute Survation, Opinium und Panelbase das "Nein"-Lager mit wenigen Prozentpunkten in Führung. Die Abstände lagen dabei zwischen einem und sechs Prozentpunkten bei einer relativ hohen Zahl an Unentschiedenen.

Eine der größten britischen Gewerkschaften rief Arbeitgeber in Schottland dazu auf, ihre Angestellten für die Stimmabgabe zeitweise freizustellen, um lange Schlangen vor den Abstimmungslokalen zu vermeiden. Sie haben von 8 bis 23 Uhr MESZ geöffnet, das Ergebnis soll am Freitagmorgen vorliegen. Beinahe 4,3 Millionen Schotten haben sich für das Referendum registriert. Damit könnte die Wahlbeteiligung rund 97 Prozent erreichen – das wäre ein Rekord.