Natürlich denken jetzt alle an 1989. Noch hat der Protest in Hongkong nicht die Wucht der Pekinger Demonstrationen vor 25 Jahren erreicht. Aber wieder macht sich eine junge Generation auf den Weg, die sich nicht einreden lassen will, Demokratie sei nur etwas für ferne Zeiten oder ferne Länder.

Es sind nun schon Hunderttausende, auf die der Funke der Bürgerbewegung Occupy Central übergesprungen ist. Central – so heißt der Finanzdistrikt in Hongkong, in dem auch die wichtigsten Regierungsgebäude stehen.

Politik und Wirtschaft hatten in Hongkong schon unter den Briten bestens harmoniert. Nach der Rückgabe der Kronkolonie an China 1997 arrangierten sich Baulöwen, Reeder und Banker umstandslos mit den neuen Herren in Peking.

Demokratie – die brauchten und wollten beide nicht, die Kommunisten und die Kapitalisten. So ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Aber wie so oft und nicht nur in Hongkong übersehen die Mächtigen eine Kleinigkeit: Die Bürger sind ganz anderer Meinung! Sie pochen auf das Demokratieversprechen, das Peking und London ihnen gaben, als sich die Briten verabschiedeten. Die Hongkonger fordern eine freie Wahl des Regierungschefs im Jahr 2017, so wie es das Basic Law verspricht, jenes zwischen China und Großbritannien für die neue Sonderverwaltungszone ausgehandelte Grundgesetz.

Eine Wahl soll es auch nach dem Willen Chinas geben, allerdings nur eine zwischen zwei oder drei "Patrioten", die zuvor von Peking ausgesucht worden sind. Eine "Farce", wie die ehemalige Verwaltungschefin Hongkongs, Anson Chan, sagt.

Und plötzlich liegt wieder dieses Verlangen nach Veränderung in der Luft, das im Frühjahr 1989 ganz China erfasste und das schließlich im Tiananmen-Massaker endete. Nirgends wurde die Erinnerung an die niedergeschlagene Demokratiebewegung seither so wach gehalten wie in Hongkong. Schon deshalb, weil es hier möglich war.

In Hongkong genießen die Bürger nämlich, anders als jenseits der Stadtgrenzen, Rede- und Versammlungsfreiheit. Und sie scheinen entschlossen zu sein, davon Gebrauch zu machen. Auch Tränengas und Polizeiknüppel halten sie nicht davon ab.

Natürlich wächst in Peking die Nervosität, der Funke könnte auf das Festland  überspringen. Staats- und Parteichef Xi Jinping versucht gerade, mit einer gewaltig inszenierten Kampagne gegen die Korruption und mit der Beschwörung des "chinesischen Traums" das ramponierte Ansehen der Partei aufzupolieren. 

Rufe nach Demokratie und Reformen stören da nur. Je länger der Protest währt, umso größer ist die Gefahr, dass Pekings Statthalter die Ruhe in Hongkong mit Gewalt wiederherzustellen versuchen.

Nachgeben wird die Kommunistische Partei nicht, wirklich freie Wahlen wird sie nicht erlauben. In Hongkong gelten heute Chinas Gesetze. Die politischen Gesetze, wohlgemerkt. Und die haben oft nichts damit zu tun, was in der Verfassung steht.