Kampfflugzeuge auf dem Flugzeugträger "USS George H. W. Bush", der an der Operation gegen den IS beteiligt ist. © Robert Burck/U.S. Navy/Reuters

Die internationale Militäroffensive gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) ist in eine neue Phase getreten. Erstmals haben die USA IS-Stellungen in Syrien angegriffen. Der amerikanische Präsident Barack Obama hatte seinen Entschluss, die Anfang August begonnenen Luftangriffe im Irak auch auf das benachbarte Syrien auszudehnen, vor zwei Wochen in einer Rede an die Nation angekündigt.

Wer unterstützt die USA bei den Angriffen gegen den IS in Syrien?

An den Bombardierungen, die den ganzen Tag andauerten, beteiligten sich nach Angaben von Pentagonsprecher John Kirby auch die arabischen Staaten Saudi-Arabien, Jordanien, Bahrain, Katar sowie die Emirate. Über ihren genauen militärischen Beitrag schwiegen sich die Golfstaaten allerdings aus. Lediglich Jordanien erklärte offiziell, mit eigenen Kampfjets IS-Ziele nahe seiner Ostgrenze zum Irak bombardiert zu haben. "Die USA stehen nicht allein in ihrem Kampf gegen IS", erklärte US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus und nannte die Kooperation mit den arabischen Staaten "ein starkes Bündnis".

Frankreich beteiligt sich bisher nur im Irak, Großbritannien hat sich noch nicht festgelegt. Deutschland schließt einen militärischen Einsatz der Bundeswehr kategorisch aus.

Was waren die Ziele der Bombardierungen?

Die Angriffe konzentrierten sich auf eine Reihe von Städten im Norden und Osten Syriens in der Region um Rakka, wo der IS besonders stark ist. Zu den Zielen gehörten Hauptquartiere, Kommandoposten, Trainingslager, Rekrutierungs-, Nachschub- und Finanzzentren sowie Versorgungs- und gepanzerte Fahrzeuge, aber auch Gruppen von Kämpfern. In der Stadt Rakka, wo sich das Hauptquartier des "Islamischen Staats" auf syrischem Boden befindet, wurde nach Augenzeugenberichten der ehemalige Gouverneurspalast zerstört, der dem IS als Verwaltungszentrale dient. Das Gebäude war offenbar vorher geräumt worden.

War die Offensive nur gegen den IS gerichtet?

Nein. Westlich von Aleppo griffen die USA offenbar Mitglieder der Al-Kaida nahestehenden Chorasan-Miliz an, die auch mit der Al-Nusra-Front zusammenarbeiten soll – laut Angaben des Verteidigungsministeriums, um akut die Planung von Terrorakten gegen die USA und andere westliche Länder zu unterbinden. Die Gruppe habe kurz davor gestanden, hochentwickelte Sprengstoffe fertigzustellen, die in Zahnpastatuben versteckt oder in denen Kleidungsstücke getränkt werden könnten. Einzelheiten der angeblich geplanten Terrortat nannte das Pentagon allerdings nicht. Anders als die Offensive gegen den IS seien diese Angriffe von den USA allein unternommen worden.

Explizit nicht zu den Zielen der Offensive gehört der syrische Diktator Baschar al-Assad, der seit Jahren einen Bürgerkrieg gegen sein Volk führt und dabei auch nicht vor dem Einsatz von Chemiewaffen zurückschreckt. Assad hatte den IS lange Zeit zumindest geschont, weil die Miliz unter anderem auch gegen die gemäßigten Rebellen kämpfte. 

Hat Assad sein Einverständnis zu den Angriffen gegeben?

Das Regime in Damaskus ist nach Angaben der Amerikaner über seinen ständigen Vertreter beim UN-Sicherheitsrat von den bevorstehenden Luftoperationen informiert worden. Die US-Regierung hatte zuvor immer betont, es werde mögliche Luftangriffe in Syrien nicht mit der syrischen Führung koordinieren oder gar um Erlaubnis fragen. Daran habe man festgehalten, stattdessen sei Syrien nun gewarnt worden, US-Flugzeuge nicht zu behindern oder anzugreifen. Eine Information über den genauen Zeitplan und die Ziele habe es nicht gegeben. Syrien hatte die Bombardierungen im Nachhinein gebilligt.

Wie reagiert der "Islamische Staat"?

Der "Islamische Staat", dem nach neuesten Geheimdienstinformationen mehr als 30.000 Kämpfer angehören, erneuerte die Morddrohungen gegen Bürger sämtlicher westlicher Nationen, die sich an dem Bombardement beteiligen. Bereits am Sonntag hatten in der Kabylei Algeriens vermummte Männer, die sich "Soldaten des Kalifats" nennen, einen 55-jährigen französischen Bergsteiger entführt, den sie in einem Vier-Minuten-Video als Gefangenen vorführten. Die Täter kündigten an, ihr Opfer in den nächsten 24 Stunden zu ermorden, falls Frankreich seine Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak nicht stoppe.

Im Irak töteten IS-Kämpfer, die sich mit erbeuteten irakischen Uniformen getarnt hatten, bei einem Angriff auf eine Kaserne westlich von Bagdad mehr als 40 Soldaten und nahmen 70 gefangen. In der seit Januar besetzten Stadt Falludscha geriet eine komplette Kompanie in einen Hinterhalt der Extremisten, die ihre Gefangenen anschließend auf IS-Geländewagen durch die Straßen paradierten.

Wie ist die humanitäre Lage?

Am Wochenende hatten die IS-Kämpfer mit einem Großangriff auf die kurdische Grenzstadt Ain al-Arab in Nordsyrien, die auf kurdisch Kobane heißt, eine Massenflucht von 130.000 Einwohnern ausgelöst, die sich auf türkischem Boden in Sicherheit brachten. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR der Vereinten Nationen befürchtet, dass in den nächsten Tagen weitere 200.000 bis 250.000 Menschen folgen könnten, viele von ihnen leben in den rund 440 Dörfern der umkämpften Gegend. "Wir haben sehr alarmierende Nachrichten erhalten von wahllosen Geiselnahmen und Hinrichtungen, darunter auch Frauen und Kinder", erklärte Robert Colville, Sprecher der UN-Menschenrechtskommission. Es habe systematische Plünderungen gegeben, zahllose öffentliche und private Gebäude seien verwüstet worden. Seit dem frühen Dienstagmorgen fliehen zudem Abertausende Bewohner aus Angst vor weiteren Luftangriffen aus dem nordsyrischen Rakka in die umliegenden Dörfer.