Die Methode des russischen Präsidenten im Umgang mit dem Westen ist sehr einfach zu beschreiben: Wladimir Putin testet in der Ukraine nahezu täglich, wie weit er zu weit gehen kann. Und solange er nicht auf Widerstand stößt, geht er noch weiter.

Für den Westen ist das ein Problem. Was soll er Putin entgegensetzen? Keines der Mittel, zu dem der russische Präsident greift, wird der Westen nutzen: unverhohlene Propaganda, merkwürdige Hilfskonvois, sogar Waffenlieferungen oder Soldaten.

Dennoch kann der Westen Härte zeigen. Das tut er gerade. Die Nato wird während ihres Gipfels in dieser Woche voraussichtlich beschließen, ihre ständige militärische Präsenz in Osteuropa deutlich zu erhöhen, einschließlich einer Einsatzgruppe und mehrerer neuer Stützpunkte. Das wird den Ukraine-Konflikt sicher nicht beenden. Aber es ist ein deutliches Signal an Moskau, dass es ein Zu-Weit gibt.

Der Bundespräsident hat diese Grenze ebenfalls definiert, als er zum Gedenken des Weltkriegsbeginns auf der polnischen Westerplatte vor Danzig sprach. Deutschland werde nicht dulden, dass das Völkerrecht durch das Recht des Stärkeren ersetzt werde, sagte Joachim Gauck und warnte: "Die Geschichte lehrt uns, dass territoriale Zugeständnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern."

Besonnener als die Empörten glauben machen wollen

In solchen Worten die Unbesonnenheit eines Spalters erkennen zu wollen, wie es Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung tut, oder sogar einen, der "Öl ins Feuer eines europäischen Konflikts gießt", wie der Linken-Vorsitzende Berd Riexinger daherredet, ist töricht.

Denn der Bundespräsident hat in seiner Rede noch mehr gesagt. Unmittelbar nach dem erwähnten Aggressoren-Zitat schloss Gauck an: "Die Geschichte lehrt uns aber auch, dass aus unkontrollierter Eskalation eine Dynamik entstehen kann, die sich irgendwann der Steuerung entzieht. Deshalb strebt Deutschland – wie die ganze Europäische Union – nach einer deeskalierenden Außen- und Sicherheitspolitik, die Prinzipienfestigkeit mit Kompromissfähigkeit, Entschiedenheit mit Elastizität verbindet – und die imstande ist, einer Aggression Einhalt zu gebieten, ohne politische Auswege zu verstellen."

Das klingt wesentlich besonnener, als die Empörten glauben machen wollen. Allerdings bricht der Bundespräsident abermals (wie schon während der Münchener Sicherheitskonferenz im Frühjahr) mit dem selbsttrügerischen Bild mancher Deutschen, es könne eine Außenpolitik geben, die das Land durch Nicht-Handeln und stetes Zurückweichen moralisch schuldfrei hält.

Wer wie Prantl zudem eine neue Form der alten Ostpolitik vom "Wandel durch Annäherung" propagiert, der muss sich auch bewusst machen, auf welcher Basis diese Politik zwischen 1969 und 1989 betrieben wurde: Die Grenzen zwischen Ost und West waren scharf gezogen. Es galt die atomare Abschreckung. Jeder Versuch, die Linie zwischen den Blöcken zu verschieben, hätte unmittelbar zum Krieg geführt. Die Aufrüstung der Sowjetunion mit SS-20-Raketen beantwortete der Westen mit dem Nato-Doppelbeschluss. Ja, es wurde viel geredet, zum Glück. Aber es war auch überdeutlich, wo Schluss war.

Niemand wünscht sich jene Zeiten zurück. Doch den Ausgleich mit Russland zu suchen, heißt eben gerade nicht, Putin in allem gewähren zu lassen. Moskau handelt, und es muss die Konsequenzen seines Handelns kennen. Die Nato hat das offenbar erkannt, der Bundespräsident auch, die Kanzlerin ohnehin. Nur die EU tut sich weiterhin schwer. Ihre ständigen Wenn-dann-Sätze (Wenn jetzt noch etwas passiert, dann verschärfen wir die Sanktionen) fordern Putin geradezu zu immer neuen Provokationen heraus. Moskau hat das Wenn geliefert. Darauf muss eine unmittelbare Reaktion folgen, längst angekündigte Sanktionen müssen sofort verhängt werden. Dann kann man auch wieder reden.