Der wichtigste syrisch-kurdische Politiker, Salih Muslim, besucht Berlin-Neukölln. In einer Seitenstraße gegenüber einem türkischen Supermarkt liegt das kleine Informationsbüro Westkurdistan. Berliner Kurden spannen ein kurzes rotes Band und kleben die Enden mit Tesafilm an den Hauseingang. Als Salih Muslim das Band durchtrennt, rufen ein paar seiner Fans den Sprechchor: "Bîjî Berxwedane YPG" – der Widerstand der YPG-Kämpfer gegen den IS lebe hoch.

Muslim ist Co-Vorsitzender der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) und kommt direkt aus Ain al-Arab, der syrischen Region, die gerade massiven Angriffen der IS-Terrormiliz ausgesetzt ist. An mindestens fünf Fronten greifen IS-Kämpfer Kobani, wie die Kurden Ain al-Arab nennen, an. In einer Woche wurden mehr als 60 Dörfer evakuiert, laut offiziellen Angaben türkischer Medien sind in den letzten Tagen 45.000 Flüchtlinge in den kurdischen Teil der Türkei geflohen. In einem evakuierten Dorf sei ein 90-Jähriger zurück geblieben, sagt Muslim. "Den haben die IS-Männer geköpft." Auf Twitter kursieren wieder Berichte von ermordeten Kindern und Männern. Die Angst vor einem neuen Massaker der Terrorgruppe ist groß.

In der Nacht zum Samstag reisten etwa 300 Kämpfer der PKK aus der Türkei an, um ihre Franchise-Armee in Syrien, die YPG, zu unterstützen. Militärische Verstärkung der Peschmergas von Kurdenpräsident Mesud Barzani sei ausgeblieben, obwohl die YPG an deren Seite im Irak gekämpft habe. "Wir brauchen dringend internationale Hilfe, um gegen die IS-Mörder zu kämpfen", sagt Muslim.

Allerdings hat sich Deutschland wiederholt gegen eine Bewaffnung PKK-naher Truppen ausgesprochen. "Die Deutschen nehmen diesen Krieg nicht ernst", sagt Muslim. Sonst hätten sie von Anfang an alle Gruppen bewaffnet, die gegen den IS kämpfen. Barzanis Partei im Nordirak reagiert zurückhaltend, weil sich die PKK zu sehr in die regionale Politik eingemischt habe – so erklärt ein Rudaw-Journalist vor Ort die Lage.

Mit direkten Forderungen nach deutschen Waffen hält sich Muslim in Neukölln zurück. "Es würde reichen, wenn kurdische Kämpfer aus dem irakischen und dem syrischen Teil gemeinsam gegen die Terrorgruppe 'Islamischer Staat‘ vorgingen." Allerdings haben sich die verschiedenen kurdischen Armeen in einen dauerhaften Konkurrenzkampf um die Beliebtheit bei der eigenen Anhängerschaft verstrickt und verhindern so eine klare gemeinsame Linie.

Während Guerillas in Kobani gegen den IS kämpften, kam es laut Spiegel Online am Freitag an der türkischen Grenze zu Tumulten. Grenzpolizisten ließen die Flüchtlinge nicht passieren, TV-Berichte zeigen, wie türkische Sicherheitskräfte Wasserwerfer und Tränengas gegen die Menschenmasse einsetzten. Schließlich öffneten sie die Grenzen doch, doch die traditionelle Wut der Kurden auf die Türkei wächst. Verschwörungstheorien blühen. Die Bevölkerung an der syrischen Grenze ist in Panik, Augenzeugen berichten, dass IS-Anhänger ungehindert auf türkischem Boden Flugblätter verteilten. Die Kurden befürchten einen Komplott gegen ihr Volk, stillschweigende oder militärische Unterstützung im Tausch gegen Geiseln. 

Monatelang hat die türkische Regierung zu den Massakern des IS geschwiegen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan weigerte sich, die Kämpfer als Terrororganisation zu bezeichnen. Grund dafür seien die 49 türkischen Geiseln gewesen, die IS-Milizen am 11. Juni in Mossul gefangen genommen hatten und am Samstag wieder freiließen. Erdoğan und Premierminister Ahmet Davutoğlu sprachen von einer "nächtlichen Rettungsoperation" des türkischen Geheimdienstes MIT. Es sei weder Lösegeld geflossen, noch habe es einen Gefangenenaustausch gegeben. Unklar bleibt, ob die CIA beteiligt war.