Nach Ansicht von US-Präsident Barack Obama haben die US-Geheimdienste den "Islamischen Staat" unterschätzt und zugleich die Schlagkraft der irakischen Armee überschätzt. In einem Interview mit dem Fernsehsender CBS wurde Obama gefragt, ob er eine entsprechende Einschätzung des nationalen Geheimdienstdirektors James Clapper teile. "Das trifft zu", antwortete Obama. "Das trifft absolut zu."

Der Washington Post hatte Clapper gesagt, die USA haben den Kampfeswillen der IS-Kämpfer unterschätzt. Dieser Fehler sei ähnlich im Vietnamkrieg gemacht worden, als die Vietcong unterschätzt wurden. Zudem habe er nicht damit gerechnet, dass die Sicherheitskräfte im Nordirak so schnell besiegt würden.

Schuld für den Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ist laut Obama die Lage in Syrien. Während die US-Streitkräfte im Irak mit der Unterstützung sunnitischer Stämme Al-Kaida bekämpfen und in den Untergrund zwingen konnten, habe der Bürgerkrieg in Syrien es Terroristen in den vergangenen beiden Jahren ermöglicht, sich neu zu gruppieren. Die Extremisten hätten das Chaos in dem Land stärker genutzt als erwartet. Obama bezeichnete Syrien als "Ground Zero" für die Dschihadisten der ganzen Welt. Auch dank einer sehr klugen Social-Media-Kampagne habe der IS Kämpfer aus Europa, den USA und verschiedenen arabischen Ländern gewinnen können.

Nachdem die syrische Regierung unter Präsident Baschar al-Assad mit dem Einsatz von Chemiewaffen im vergangenen Jahr eine zuvor von Obama rhetorisch gezogene "rote Linie" überschritten hatte, verzichtete der Präsident dennoch auf ein militärisches Eingreifen in Syrien. Im Kampf gegen den IS sei ein militärischer Einsatz nun notwendig, sagte Obama. Zusätzlich müsse eine politische Lösung gefunden werden, um den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zu schlichten. Dies bezöge sich auf den Irak und Syrien im Speziellen, aber auch auf den Nahen Osten als Ganzes.

Al-Nusra-Führer droht Bürgern in Europa und den USA

Der Chef der extremistischen Al-Nusra-Front, einem Al-Kaida-Ableger, warnte Europäer und Amerikaner vor Konsequenzen der Luftangriffe. Sollten die USA und ihre Verbündeten diese nicht einstellen, werde die Gruppe den Kampf in die westlichen Länder tragen, sagte Abu Mohammed al-Dschulani in einer im Internet verbreiteten Audiobotschaft. "Die Schlacht wird in die Herzen eurer eigenen Häuser getragen", so Al-Dschulani weiter.

Bereits am Montag hatte ein IS-Sprecher zu gezielten Tötungen von Bürgern aus westlichen Staaten aufgerufen, die sich im Kampf gegen die Dschihadisten im Irak und in Syrien beteiligen.

Die US-geführte Koalition flog dennoch weitere Angriffe. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurde eine Erdgasanlage in Syrien bombardiert. Kampfjets hätten am Sonntagabend den Eingang und den Gebetsbereich des Coneco-Komplexes, der vom "Islamischen Staat" kontrolliert wird, angegriffen.

Am Wochenende hatte die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition ihre Angriffe auf Stellungen der IS-Miliz in Syrien und im Irak fortgesetzt. In der Nacht auf Sonntag bombardierte die Allianz im Norden Syriens nach Angaben von Aktivisten mindestens drei Ölraffinerien, die unter Kontrolle des IS stehen.

Die US-Luftwaffe fliegt seit Anfang August Angriffe auf Stellungen der IS-Miliz im Irak, seit dieser Woche außerdem in Syrien. Unterstützt wird sie dabei von Jordanien, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Washington kann dabei auch auf eine immer breitere Unterstützung von europäischen Partnern zählen. Nach Frankreich schlossen sich zunächst Großbritannien, Dänemark, Belgien und die Niederlande an.

Türkei schließt Einsatz von Bodentruppen nicht aus

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat bekräftigt, dass sein Land eine militärische Unterstützung für die Koalition gegen den IS erwägt. Beim Weltwirtschaftsforum in Istanbul sagte er, die Türkei könne bei dem Konflikt "nicht außerhalb" stehen. "Wir werden dort sein, wo wir sein müssen", sagte Erdoğan.

Auch einen Einsatz von Bodentruppen schloss Erdoğan nicht aus. Er sagte aber, dass langfristig ein militärisches Vorgehen gegen den IS nicht ausreiche, um die Dschihadistenmiliz zu besiegen. Bomben könnten nur eine "provisorische Lösung" sein, sagte Erdoğan.

Kämpfe in der Kurdenstadt Kobanê

Die Kämpfe der Terrormiliz um die kurdische Enklave Kobanê in Nordsyrien sind mit Einbruch der Nacht abgeflaut. Zuvor hatten Augenzeugen von schwerem Beschuss der Stadt berichtet. Diese sei von mehreren Seiten durch Panzer und mit Mörsergranaten beschossen worden.

Die IS-Kämpfer rücken seit mehr als einer Woche auf die von Kurden bewohnten Gebiete in Nordsyrien vor. 60 Dörfer rund um Kobanê nahe der türkischen Stadt Suruç stehen unter ihrer Kontrolle. Insgesamt kontrolliert der "Islamische Staat" weite Teile im Norden Syriens und im Westen des Irak.