Wie kann das sein? Eine Krise folgt auf die andere – Ukraine, Gaza, Syrien, Nordirak –, und der Ölpreis explodiert nicht etwa, er sinkt. Anfang September fiel er auf 95 Dollar pro Barrel, so niedrig war er seit Langem nicht mehr.

Die Erklärung lautet: Wir leben in einer neuen Energie-Welt. Die Internationale Energie Agentur spricht in ihrem aktuellen Jahresbericht (World Energy Outlook 2013) von einer "neuen Geographie bei Nachfrage und Angebot". Große Importeure werden zu Exporteuren, bisherige Exporteure werden selbst zu großen Verbraucherländern.

Der mit Abstand wichtigste Wandel: Die Vereinigten Staaten sind bei der Energieversorgung unabhängig geworden. Und das hat dramatische geopolitische Folgen. Was immer im Nahen und Mittleren Osten geschieht – die Ölversorgung Amerikas ist nicht in Gefahr.

Grund dafür sind die "unkonventionellen Methoden" der Öl- und Gasproduktion, insbesondere das wegen der Folgen für Klima und Umwelt hoch umstrittene Fracking. Die USA fördern heute mehr Öl als Russland und Saudi-Arabien, sie sind der größte Energieproduzent der Welt.

Mindestens so spektakulär ist der Aufschwung der Ölproduktion im Nachbarland Kanada. Es verfügt nach Saudi-Arabien und Venezuela über die drittgrößten nachgewiesenen Ölvorräte weltweit. Premierminister Stephen Harper bejubelt den Aufstieg zur "Energiesupermacht Kanada".

Umweltschützer und die in den Fördergebieten lebenden indianischen First Nations aber jubeln nicht mit, sondern kämpfen gegen den Abbau der oil sands und den Bau gigantischer Pipelines nach Süden in die USA und nach Westen an die kanadische Pazifikküste.

Fluch und Segen des Ölbooms waren Thema der 29. Deutsch-Kanadischen Konferenz der Atlantik-Brücke vorige Woche in der westkanadischen Provinz Alberta, die ein regelrechter Ölrausch erfasst hat.

Der neue Reichtum speist sich aus der Ausbeutung der Ölsände im Norden der Provinz. Dass dort das "dreckigste Öl" der Welt gewonnen wird, streiten nicht einmal die Verantwortlichen in den Ölkonzernen ab. Die CO2-Emissionen liegen beim Abbau der Ölsände um durchschnittlich zehn Prozent über denen bei konventioneller Förderung.

Bei einem Besuch des Abbaugebietes von Fort McMurray, anderthalb Flugstunden nördlich von Calgary, sagt ein Sprecher des Konzerns Cenovus: "Wir wissen, dass Sie hier sind, weil Sie sich Fragen wegen der Umwelt stellen." Von aller Welt werde der Abbau der Ölsände "wie unter dem Mikroskop betrachtet. Und das ist keine schlechte Sache, denn es zwingt uns, sehr sorgfältig zu arbeiten."

Größer als die Umweltsorgen aber sind die Gewinnhoffnungen. Auch wenn die Expansion der Ölproduktion immer wieder auf politische Widerstände stößt. So sperrt sich US-Präsident Barack Obama aus Gründen des Umweltschutzes bisher gegen den Bau der Pipeline "Keystone XL", in der Öl aus Alberta nach Texas fließen soll.

Aber auch so sind die Folgen des amerikanisch-kanadischen Ölbooms schon heute revolutionär. Gebrochen ist die Macht der Opec, die der Welt jahrzehntelang den Ölpreis diktierte.

Dabei geraten jene in die Defensive, die in Kanada und den USA auf die erneuerbaren Energien setzen. Und von denen gibt es nicht wenige. Die deutsche Energiewende gilt ihnen als großes Vorbild. "Der deutsche Traum ist auch unser Traum", sagte ein junger kanadischer Unternehmer auf der Konferenz in Alberta.

Aber Kanada wird den deutschen Weg nicht gehen, auch wenn es die Hälfte seiner Elektrizität aus Wasserkraft gewinnt. Jetzt wird erst einmal geklotzt. Das Land ist im Gründerfieber.

In Kanada wetten sie darauf, dass beides geht: Ihrem wunderschönen Land seine Bodenschätze zu rauben und es dabei nicht zu zerstören – ihm nicht, wie viele in den First Nations fürchten, seine Seele zu nehmen.