Michail Chodorkowski hat eine proeuropäische Oppositionsbewegung gestartet. Bei der Gründungszeremonie der Initiative Offenes Russland in Paris rief der frühere russische Ölmagnat seine Landsleute auf, sich vor den 2016 anstehenden Parlamentswahlen für politische Reformen und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. In Interviews warf er dem Westen zudem schwere Fehler in seiner Russlandpolitik vor und deutete Ambitionen auf das Präsidentenamt an. Chodorkowski saß zehn Jahre wegen Steuerhinterziehung in Haft und wurde Ende 2013 überraschend begnadigt; Kritiker sahen in ihm einen politischen Häftling, der dem Kreml zu mächtig und unbequem geworden war.

Offenes Russland soll über eine Plattform im Internet ein Forum für Gleichgesinnte bieten. Laut Chodorkowski ist es keine politische Partei. Allerdings könnte dies auch taktischen Überlegungen geschuldet sein. Im Interview mit der Zeitung Le Monde sagte Chodorkowski: "Parteien sind in einem autoritären Regime sehr angreifbar. Die einzige Möglichkeit, die Leute haben, um gemeinsam Ziele zu verfolgen ohne zur Zielscheibe zu werden, ist es, sich in virtuellen Netzwerken zusammenzuschließen und dort gemeinsam Aktionen zu planen." 

Die Ankündigung ist brisant: Im Gegenzug für seine Freilassung hatte Chodorkowski faktisch versprechen müssen, sich aus der russischen Politik herauszuhalten. Eine offizielle Reaktion des Kreml-Chefs Wladimir Putin auf die Gründung von Offenes Russland gab es zunächst nicht. "Ich denke, er wird verärgert sein", sagte Chodorkowski –  zumal er bereits den Sturz der prorussischen Regierung in der Ukraine offen begrüßt hatte.

In russischen Staatsmedien spielte die im Internet übertragene Gründungsveranstaltung der neuen Bewegung faktisch keine Rolle. Laut einer Sprecherin Chodorkowskis wurde die Website www.openrussia.org zudem von Hackern lahmgelegt.

Chodorkowski als Krisen-Präsident?

"Wahre Patrioten sollten ihrem Land und Volk auch in düsteren Zeiten dienen", sagte der 51-jährige Chodorkowski, der nach zehn Jahren Lagerhaft mittlerweile in der Schweiz lebt. "Eine Minderheit kann einflussreich sein, wenn sie sich organisiert." Dass Russland nicht zu Europa gehöre, sei "eine Lüge derjenigen, die das Land ein Leben lang beherrschen wollen, die auf Gesetz und Justiz spucken". In Wirklichkeit sei Russland "sowohl geografisch als auch kulturell" ein Teil Europas, betonte Chodorkowski.

Der französischen Zeitung Le Monde sagte er: "Wenn sich das Land normal entwickeln würde, wäre ich nicht daran interessiert, Präsident zu werden." Sollte Russland aber jemanden brauchen, "um das Land aus der Krise zu führen und die Verfassung zu reformieren, also vor allem die Macht des Präsidenten auf die Justiz, das Parlament und die Zivilgesellschaft zu verteilen, dann stünde ich für diesen Teil der Aufgabe bereit".

Kritik an der Russland-Politik des Westens

"Putin ist mein politischer Gegner, aber ich hasse ihn nicht", sagte Chodorkowski dem Spiegel in einem weiteren Interview. Darin warf er den westlichen Staaten vor, dem Kreml-Chef zu lange freie Hand gewährt zu haben: "Der Westen hat mit seiner sogenannten Realpolitik bei Putin die Überzeugung genährt, dass er und seine Umgebung alles dürfen. Die Botschaft war: Lasst uns gute Geschäfte machen, ansonsten ist alles erlaubt."

Als Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos war Chodorkowski 2003 festgenommen und später wegen Betrugs und Steuerhinterziehung verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung reiste er zunächst nach Berlin aus, bevor er in der Schweiz eine Aufenthaltserlaubnis erhielt und sich dort niederließ.