Russlands Präsident Putin in einer Moskauer Kirche © Alexei Druzhinin/RIA Novosti/Kremlin/Reuters

Welche Koinzidenz! Erst entgleitet mein Wiedersehen mit einem "gut katholischen" Freund zum Rededuell mit seinem Vater, der die Angriffe des "dekadenten Westens" auf Russland anprangert. Tags darauf schickt mir eine fromme Freundin euphorische "Grüße aus Moskau, wo ich bei einer mehrtägigen Familienkonferenz für Großfamilien bin im Kreml, einfach unglaublich". Aus Deutschland sprach dort die katholische Publizistin Gabriele Kuby. Dann trifft die Rundmail eines Katholiken ein. Mit der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg zieht er gegen "Werteverfall und Orientierungslosigkeit der Gesellschaft" zu Felde. Er verbreitet eine Karikatur: In einem Blutmeer (Inschrift: "Kuba, Vietnam, Grenada, Nicaragua, Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Irak, Libyen") watet ein Horror-Skelett mit Stars-and-Stripes-Zylinder und Sense. Es zeigt auf einen russischen Soldaten auf der Halbinsel Krim: "Seht den da! Der will seine Interessen mit Gewalt durchsetzen! Pfui!"

Am selben Abend zeigen die Nachrichten Putin in einer Kirche, Kerzen anzündend für "jene, die gelitten haben, als sie die Menschen in Neurussland schützten". Kerzen also für völkische Nationalisten, die in der Ukraine einen Bürgerkrieg anzettelten und, erdrückender Indizienlage nach, fast 300 Insassen eines malaysischen Zivilflugzeugs ums Leben brachten.

So kann selbst die schöne christliche Geste eines Kerzenopfers moralischen Ekel hervorrufen. Noch bestürzender ist die Einfalt jener Frommen, die sich im heraufziehenden europäischen Kulturkampf um Recht und Freiheit als "nützliche Idioten" (Lenin) vor den Karren eines brutalen Machtmenschen mit imperialistischer Vision spannen lassen.

Dieser Text stammt aus der Christ & Welt-Ausgabe 39/14

Putins korrupter KGB-Staat tritt Bürgerrechte mit Füßen und lässt manipulierte Medien gegen die westlichen Demokratien hetzen. Doch das hält Katholiken mit Defiziten im christlichen Menschenbild nicht vom obszönen Schulterschluss mit dem Kreml ab.

Der Lockstoff, mit dem Putin offenbar gar nicht so wenigen Christlich-Konservativen im Westen den Orientierungssinn vernebelt, ist ein ideologischer Familismus, der in sexueller Ordnungstheorie schwelgt, anstatt sich realer Probleme heutiger Familien anzunehmen: Ehestabilität, Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit, gewachsene berufliche Mobilität, Großstadtmieten. Auch wären Hunderttausende Prostituierte in Deutschland quantitativ und qualitativ aus christlicher Sicht mehr der Rede wert als 67.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften.

Aber es ist umgekehrt: Die religiöse Rechte hat sich seit Jahren irrational in die angebliche "Homosexualisierung der Gesellschaft" und "notwendige Rettung der Familie" verbissen. Deshalb eignet sich dieses Thema wie kein anderes als Brücke zu russischen "Werteverteidigern" unter dem familiär so gar nicht vorbildlichen Putin. Ein Vertreter des christlichen Kinder- und Jugendverbands "Frischluft" berichtet von einem internationalen Treffen, auf dem russische Teilnehmer ihre Gäste aus Deutschland stundenlang nur mit diesem Thema traktierten. Das nennt man wohl Obsession.

Im monothematischen Furor verblassen auch unter westlichen Rechtsgläubigen Putins Tausende Kriegstote, willkürlich Verhaftete, gefälschte Wahlen, notorische Lügen, manipulierte Gerichte, drangsalierte Menschenrechtler und ermordete, verschwundene oder "nur" misshandelte Journalisten und Anwälte. Die neuen Putin-Freunde lassen sich blenden von Russlands angeblicher christlicher Erweckung. Dort zählen sich rund zwei Drittel der Bevölkerung zur orthodoxen Kirche. Drei Viertel bezeichnen sich als religiös. Aber nicht einmal jeder Fünfte glaubt an einen persönlichen Gott, noch weniger kommen zum Gottesdienst.

Christliches Bekenntnis ist zur nationalen Political Correctness verkommen. Irrlichternde Moralwächter aus der katholischen Subkultur schauen, seit Franziskus Papst ist, lieber nach Moskau als nach Rom. Das lässt die päpstlichen Warnungen vor dem Diabolos, dem großen Verwirrer, so nötig erscheinen wie das Gebet um die Gabe der Unterscheidung der Geister.