Die vorläufige Waffenruhe im Osten der Ukraine ist ein weiteres Meisterstück der Moskauer Kreml-Taktikschule. Es hat allerdings ein Nachbarland zerrüttet und Hunderte von Menschen das Leben gekostet. Der russische Präsident, der sich und sein Land über Jahre hinweg unterschätzt fühlte, zeigt es einmal mehr allen. Er fährt zäh und skrupellos einen weiteren taktischen Sieg ein. Das russische Volk weiß er dabei hinter sich, und auch im Westen sympathisieren viele mit ihm und seiner Entschlossenheit. Endlich ein Staatsführer, der nicht nächtelange Konferenzen auf der Suche nach einem Kompromiss durchsitzt, sondern zuschlägt und siegt.

Nach dem Waffenstillstand kontrollieren die Separatisten in der Ostukraine einen großen Teil ihres Phantomreiches Noworossija ("Neurussland"). Jetzt haben sie die Zeit, sich im eroberten Land fest einzurichten. Russland hilft da gerne. Vor allem hat Moskau das Schreckgespenst einer ukrainischen Nato-Mitgliedschaft gebannt. Dazu wurde die Ukraine erst halbwegs zerstückelt. Nun kann sie teilweise und lose wieder zusammengenäht werden.

Dabei mag Transnistrien in Moldawien als Vorbild dienen: die Ostukraine als Protektorat Russlands. Andere in Moskau schwärmen vom Modell Bosnien-Herzegowina mit einem schwachen Zentralstaat und der Chance, über Donezk und Luhansk ständig mitzuregieren. Dass Putin zugleich den Westen und das Zentrum der Ukraine, wo die russische Propaganda noch vor einem Jahr geliebte slawische Brüder und Schwestern ortete, auf lange Zeit von Russland entfremdet hat, bekümmert bisher nur wenige.

Der Teilsieg auf dem Schlachtfeld und bei den Minsker Friedensgesprächen wurde planvoll vorbereitet. Moskau ließ die russischen Selbstherrscher in den vorgeblich abtrünnigen Republiken von Donezk und Luhansk für Verhandlungen rechtzeitig gegen ukrainische Führer austauschen. Diese scheinen auch besser steuerbar zu sein. Als die separatistischen Kämpfer immer schwächer wurden und absehbar war, dass die ukrainische Armee sie bis zum Winter weitgehend niederringen könnte, drangen Ende August Hunderte russischer Soldaten, bewaffnet und mit Kriegstechnik ausgestattet, ins Nachbarland ein. Mit ihrer Hilfe konnten die Separatisten zum Gegenangriff in Richtung Nowoasowsk und Mariupol übergehen.

Da die landesweiten Bestattungen gefallener russischer Soldaten nicht mehr geheim zu halten sind, reagierte jetzt das Staatsfernsehen und zeigte erstmals die Beerdigung eines Luftlandesoldaten. Er habe im Urlaub freiwillig und ehrenvoll in der Ukraine gekämpft, lautet die neue Legende. Russlands Führung habe damit nichts zu tun. Zugleich schwebte Putin über das Land, zwischen Blagoweschtschensk und Ulan-Bator, und entwarf nach eigener Aussage mit flotter Hand, quasi auf den Knien, einen Friedensplan. Der Präsident, der den Begriff des hybriden Krieges global bekannt machte, gab den Friedensengel. 

Kollateralschaden Vertrauensverlust

Der außenpolitische Triumph hat seinen Preis. Zwar konnte Putin den Westen erfolgreich vorführen. Aber der Kollateralschaden des Vertrauensverlustes reicht tief und wird nur über lange Zeit reparierbar sein. Russland hat einen Konflikt verschärft, an dem alle beteiligten Seiten ihren Anteil haben. Aber Putin bestimmte zynische Machtpolitik zur Leitlinie. Der Vorwurf, andere, vor allem die USA, täten es genauso, macht sein Handeln nicht besser.    

Auch der innere Schaden für Russland ist immens. Die Malaisen der russischen Wirtschaft sind bekannt: Ressourcenabhängigkeit, ausbleibende Modernisierung und übergroßer Staatsanteil, langsamer Niedergang am Rande der Rezession mit steigender Inflation. Jetzt müssen als zusätzliche Belastung des russischen Haushalts Milliarden für die Krim und für die Stabilisierung der Vasallen in der Ostukraine ausgegeben werden. Zwar hat Russland Devisenreserven aufgehäuft und weltweit geforderte Güter wie Öl und Gas im Angebot – es wird nicht schnell zusammenbrechen. Aber es verbaut sich eine bessere Zukunft.