Wenige Tage vor dem Referendum über die Abspaltung Schottlands hofiert der britische Premierminister David Cameron die Unentschlossenen. Cameron ordnete an, die schottische Flagge über seinem Regierungssitz Downing Street 10 aufzuziehen – als Symbol, dass Schottland ins Vereinigte Königreich gehöre. Die Initiative folgt auf den in jüngsten Umfragen festgestellten Stimmungsumschwung zu Gunsten der Befürworter der schottischen Unabhängigkeit.

In einer gemeinsamen Erklärung mit den Parteichefs von Labour und den Liberal-Demokraten kündigte der konservative Premierminister daher eine Wahlkampftour in den Norden Großbritanniens an. "Wir wollen den Wählern zuhören und mit ihnen über die riesige Entscheidung reden, vor der sie stehen", teilte Cameron gemeinsam mit Vizepremier Nick Clegg und Oppositionsführer Ed Miliband mit.

Man sei bei vielen Dingen verschiedener Meinung. "Aber an eine Sache glauben wir leidenschaftlich: Es ist besser, wenn das Vereinigte Königreich zusammenbleibt", hieß es in der Erklärung der Parteichefs. Better together ist das Motto der Kampagne der Unabhängigkeitsgegner. Die für Mittwoch angesetzten Reisen des Trios bedeuten, dass sie die traditionelle Fragestunde im Parlament verpassen werden. "Der richtige Platz für uns ist morgen in Schottland", hieß es dazu.

Cameron hatte sich bisher auffällig zurückgehalten 

"Unsere Botschaft an das schottische Volk wird einfach sein: 'Wir wollen, dass ihr bleibt'", sagte Cameron. Die Einheit des Königreichs liege ihm wirklich am Herzen und er wolle alles tun, den Menschen die Argumente darzulegen.

Cameron hatte sich bislang aus der Debatte über eine Loslösung Schottlands weitgehend herausgehalten. Dahinter steht die Befürchtung, dass seine Herkunft aus der englischen Oberschicht und seine konservativen politischen Ansichten bei den allgemein stärker linksgerichteten Schotten nicht gut ankommen würden. 

Für den Premier geht es auch um seine politische Zukunft. Er hatte dem Referendum im Glauben an einen Sieg des Nein-Lagers zugestimmt. In monatelangen Verhandlungen hatte Cameron zuvor durchgesetzt, dass es bei der Abstimmung nur um Ja oder Nein gehen dürfe und glaubte sich damit auf der sicheren Seite. Nun muss er womöglich verantworten, dass die Schotten England nach mehr als 300 Jahren den Rücken kehren.  

Oppositionsführer Miliband rief die Menschen in ganz Großbritannien auf, ihre Verbundenheit mit Schottland zu zeigen und die schottische Fahne zu hissen. Die Städte und Dörfer im Vereinigten Königreich sollten so eine Botschaft in den Norden senden: "Bleibt bei uns."   

"Erst haben sie uns gedroht, jetzt wollen sie uns schmieren"

Am Wochenende hatte eine Umfrage erstmals eine Mehrheit für die Trennung von England und Wales ergeben. Die britische Regierung zeigte sich geschockt und versprach Schottland rasch mehr Autonomie unter anderem in Finanzfragen.

Der schottische Regierungschef Alex Salmond, der die Bewegung für eine Unabhängigkeit anführt, entgegnete, die Gegenkampagne breche offensichtlich in sich zusammen. Das Angebot bezeichnete er als Panikreaktion. Der Plan sei "im letzten Moment auf die Rückseite eines Umschlags gekritzelt worden". Erst habe London den Schotten gedroht. "Jetzt wollen sie uns schmieren", sagte Salmond der BBC.  

England und Schottland gehören seit 1707 in einem Staatswesen zusammen. Das Referendum über die Abspaltung ist für den 18. September vorgesehen.