Wir haben interessante Zeiten vor uns in Schottland, wie auch immer das Unabhängigkeits-Referendum am Donnerstag ausgehen wird. Die Zukunft Schottlands erscheint so oder so nicht attraktiv. Die konservative Tory-Regierung in London wiederum ist in Wahrheit nicht sonderlich daran interessiert, ob die Schotten in der Union bleiben oder nicht. Das zeigt nicht nur ihre matte Unterstützung der "No"-Kampagne, sondern auch die Tatsache, dass die interessanteste Alternative, nämlich eine stärkere Autonomie Schottlands und Föderalisierung des gesamten Landes, nicht zur Abstimmung gestellt wird.

Wenn die Schotten in Großbritannien bleiben, haben die Tories die Union gerettet; wenn sie sie verlassen, haben die Tories Geld gespart. So einfach sehen sie es wohl. Daher ziehen die Tories und die Schottische Nationalpartei (SNP) letztlich am selben Strang. Wobei beide wohl in jedem Fall gewinnen werden, während die Schotten eine Menge verlieren könnten.

Im Falle eines "Yes" zur Sezession werden wahrscheinlich viele Engländer und andere Nicht-Schotten überlegen, Schottland zu verlassen. Es wird ihnen auf die Nerven gehen, wenn ihnen von ihrer nationalistischen Umgebung andauernd bedeutet wird, dass sie dort nicht willkommen sind. Politisch und wirtschaftlichen würde sich Schottland durch die Eigenständigkeit isolieren.

Allerdings wird die Situation nach einem "No" nur wenig anders sein, bloß wird es ein paar Jahre länger dauern. Die momentanen Versprechungen der Parteien in Westminster, die ein "Yes" zur Unabhängigkeit verhindern sollen, werden wahrscheinlich nicht eingehalten werden können. Oder die Propaganda der SNP wird erfolgreich behaupten, dass sie gebrochen wurden. Beides wird der Unabhängigkeitsbewegung weiteren Aufwind geben.  

Der Konflikt bleibt

Im Fall einer Abspaltung wird die SNP ebenfalls kaum imstande sein, ihre widerstreitenden sozialen und ökonomischen Versprechungen einzuhalten. Die schrumpfende Wirtschaft und Steuerleistung und die Abwanderung von Arbeitskräften, die unvermeidlicherweise für einige Zeit folgen dürften, werden das verhindern.

Und egal wie das Ergebnis der Abstimmung ist, wird es eine Atmosphäre voll von Konflikten zwischen Unionisten und Separatisten geben. Selbst nach einer knappen Ablehnung wird der hässliche Nationalismus bald wieder aufflammen, seine Anhänger werden ein neues Referendum anstreben.

Theoretisch gibt es keinen prinzipiellen Grund, gegen die Unabhängigkeit eines Teilstaates zu sein. Wenn die Schotten ihren Staat wollen, können sie das verwirklichen, niemand in Europa würde dieses Recht bezweifeln.

In einem modernen demokratischen und europäischen Rahmen des 21. Jahrhunderts würde eine umsichtige schottische Regierung, die das wollte, den Aufbau einer starken und mannigfaltigen eigenen Wirtschaft vorantreiben. Sie könnte das auf der Basis des in Großbritannien schon bestehenden föderalistischen Systems ("devolution") und der so genannten "Barnett-Formel" (des Finanzausgleichs mit der Zentralregierung, der für Schottland sehr günstig ist) tun. Sie würde auch intensive Beziehungen mit einigen kleineren Staaten innerhalb der EU anknüpfen, um Unterstützung für ihr Vorhaben zu erhalten und Erfahrungen über die Führung eines eigenständigen Staates und dessen Außenpolitik zu sammeln. Nach etwa einer Generation könnte sie dann mit der Regierung in London verschiedene Formen des Föderalismus diskutieren oder sich für die gänzliche Unabhängigkeit entscheiden, wenn sie diese als vorteilhafter ansieht – allerdings parteienübergreifend.

Die schottische SNP-Regierung ging die Frage jedoch völlig anders an. Von einer Partei, die als radikale Splittergruppe ohne demokratisches Erfahrung begann, ist nichts anderes zu erwarten. Die SNP vertritt einen romantischen, irrationalen Nationalismus des 19. Jahrhunderts: entzweiend, intolerant, völlig auf sich selbst bezogen.