Kekse, die Mitglieder der Gruppe "Engländer für ein Yes" am Wochenende an der Grenze zu England verteilten – mit der Aufforderung, am 18. September für die Unabhängigkeit zu stimmen © Russell Cheyne/Reuters

Inverness ist die Hauptstadt des schottischen Hochlands. Sie liegt am Fluss Ness, der sich aus dem berühmten Loch kommend ins Meer ergießt. Peter Thomson, gebürtiger Engländer mit schottischen Vorfahren, der seit vielen Jahren in Kalifornien lebt, quartiert sich im Bahnhofshotel ein. Am Abend geht er auf ein Bier in eine Kneipe. Als die anderen Trinker seinen englischen Tonfall wahrnehmen, starren sie ihn feindselig an.

Thomson versucht sein Glück in einem anderen Pub. Er bestellt sein Bier in leicht schottischem Tonfall. Die anderen Gäste knüpfen umgehend ein Gespräch an; sie glauben, er stamme aus Edinburgh.

Später sitzt Thomson auf einer Straßenterrasse und liest die Financial Times. Ein Typ, der ihn zuvor im zweiten Pub jovial als Landsmann begrüßt hatte, schreit ihn jetzt an, ob ihm eine Kneipe für das einfache Volk nicht gut genug sei. "Wenn die Zukunft eines sich von der Welt isolierenden Schottland so aussieht", bemerkt Thomson ironisch, "dann mal viel Glück!"

In zehn Tagen werden die Schotten darüber abstimmen, ob das nördliche Drittel des britischen Festlandes sich vom Vereinigten Königreich abspalten wird. Am Wochenende sagte eine Umfrage zum ersten Mal einen Sieg der Nationalisten voraus. Was Thomson als Besucher im Kleinen erlebte, spiegelt wider, was sich in Schottland im Großen abspielt: Das Land steht im Bann einer aggressiven ethnischen Selbstbesinnung, der sich alles Fremde unterordnen muss. Diese Haltung verbindet sich mit einer Renaissance klassenkämpferischen Nationalbewusstseins, dem schon die Lektüre der Financial Times, des Hausblattes der Londoner Finanzwelt, als Beweis gilt, dass der Leser mit der verhassten englischen "Tory-Elite" sympathisiert.

Versprechen auf ein soziales Paradies

Der Nationalistenführer und Ministerpräsident der Landesregierung Alex Salmond verheißt ein Wohlstandparadies in einem unabhängigen Schottland, in dem soziale Gleichheit und Gerechtigkeit allen Alltagsübeln ein Ende setzen würden. Norwegen ist das große Vorbild – ein Land mit doppelt so vielen Ölvorkommen und neun Mal so großen Gasreserven wie das gesamte Vereinigte Königreich. Wirtschaftliche Tatsachen gehen völlig unter in dem nationalistischen Taumel, der das Land ergriffen hat. Politische Tatsachen ebenfalls, etwa die, dass sich die gesamte westliche Welt, vom schwedischen Außenminister Carl Bildt über maßgebliche Europapolitiker, die kanadischen und australischen Regierungschefs bis zu Hillary Clinton und US-Präsident Barack Obama, für einen Zusammenhalt Großbritanniens stark machen.


Wenn ihm die Gegenseite gefährlich wird, setzt Salmond seine Mobs auf sie an. Pöbelnde Meuten schrieen den populären Labour-Abgeordneten Jim Murphy, der sich gegen die Abspaltung Schottlands einsetzt, auf einer 100-Tage-Tour mit hundert Kampagnenstopps nieder. Sie beschmissen ihn mit Eiern, beschimpften ihn als "Verräter" und "Kinderschänder" und schüchterten seine Zuhörer ein. Als Murphy Videoaufzeichnungen davon ins Netz stellte, verschwanden die Mobs von einem Tag auf den nächsten. Salmond erklärte im Fernsehen, man solle Murphy wie einen durchgeknallten Weltuntergangsprediger ignorieren.

Das aggressive Auftreten der Nationalisten zeigt Wirkung. Die meisten Anhänger der Union halten sich in der Öffentlichkeit zurück, die Unabhängigkeitsbefürworter erhalten Oberwasser. Am Samstag besuchte ich eine Veranstaltung im Gemeindesaal meiner schottischen Wahlheimat, die neutral unter dem Titel "Yes or No" angekündigt war, ohne Logos der einen oder der anderen Seite. Als ich den Raum betrete, zeigen mir fast alle Anwesenden die kalte Schulter. Ich bin als Anhänger der Union bekannt. Lesley Muir, die Gebäck und Kuchen auftischt, flötet Neuankömmlingen entgegen, "Tee oder Kaffee?". Mich blendet sie total aus.

Es stellt sich sehr schnell heraus, dass der Abend eine rein nationalistische Werbeveranstaltung ist. Als ich mich erkundige, warum die unionistische "Nein Danke"-Kampagne nicht vertreten sei, erklärt mir der schottische Parlamentarier John Finnie, die hätte eine Einladung zu der Veranstaltung nicht angenommen. Als ich wissen will, wer die Einladung wann abgelehnt habe, erwidert er: "Wollen sich mich ins Verhör nehmen?"