Nach dem überwältigenden Erfolg der rechtskonservativen Schwedendemokraten bei der Parlamentswahl am Sonntag steht Schweden unter Schock. Auch Tobias Hübinette, Gründer der antirassistischen schwedischen Zeitschrift Expo, ist geschockt, überrascht ist er nicht. Er sieht im Wahlergebnis vor allem die Warnung seines Freunds und Unterstützers Stieg Larsson bestätigt, bekannt ist der Krimiautor unter anderem durch die Millennium-Trilogie – Expo ist das Vorbild für die Zeitschrift, nach der die Buchreihe benannt ist.

Angesichts der politischen Entwicklungen in Schweden hatte Larsson bereits im November 2004 Alarm geschlagen, kurz vor seinem Tod im Alter von 50 Jahren. Zehn Jahre später wirkt Hübinette, als könne er den wahr gewordenen Vorausahnungen seines Freundes nur wenig Genugtuung abgewinnen. "In den 1990er Jahren war das hier unser Albtraum", sagt der mittlerweile 43-jährige Wissenschaftler am Stockholmer Zentrum für Immigration. "Die Schwedendemokraten haben einen erstaunlichen Wandel durchlaufen. Es wäre falsch anzunehmen, wir hätten es mit einer rein faschistischen Partei zu tun. Sie ist längst viel mehr als das."

Bei der Wahl im Jahr 2002 erreichten die Schwedendemokraten gerade einmal 1,2 Prozent der Stimmen. Es folgten massenweise Parteiaustritte, und nach Meinung vieler Medien waren die Tage der Partei gezählt. Stieg Larsson war anderer Meinung. Denn die Austritte vieler Skinheads könnten der Partei neue Wege eröffnen, sich salonfähig zu machen, befürchtete er. Im August 2004 schrieb er in der Expo: "Für einen politischen Erfolg sind die Schwedendemokraten auf die Unterstützung derjenigen Wähler angewiesen, die vom politischen Establishment enttäuscht sind, die sich aber nicht als rechtsextrem oder nationalistisch verstanden wissen wollen."

Für das Ende liberaler Einwanderungspolitik

Als hätten die Schwedendemokraten diesen Ratschlag beherzigt, nahm die Partei Abstand von ihren rechtsextremen Anfängen und wählte einen neuen Vorsitzenden, den 35-jährigen Jimmy Åkesson, dessen Erscheinung weniger an die eines rechtsextremen Populisten als an die eines perfekten Schwiegersohns erinnert. Er versprach, die Zahl der Flüchtlinge und Einwanderer um 90 Prozent zu senken. Das kam an angesichts Einwanderungsvorhersagen für das Jahr 2014, die mit rund 200.000 neuen Migranten rechnen, umgerechnet zwei Prozent der schwedischen Gesamtbevölkerung.

In diesem Jahr erwartet Schweden mehr als 80.000 Asylsuchende, besonders aus Syrien und Irak. Allein im ersten Halbjahr erhöhte sich die Zahl der Asylsuchenden um rund 70 Prozent. Hinzu kamen zahlreiche Roma, die inzwischen für alle sichtbar auf schwedischen Straßen betteln – eine für die Schweden neuartige und erschreckende Erfahrung. Insgesamt umfasst die nicht schwedischstämmige Bevölkerung zum jetzigen Zeitpunkt etwa ein Viertel der Einwohner.

Die Schwedendemokraten propagierten das Ende liberaler Einwanderungspolitik und forderten stattdessen, das ersparte Geld in Schwedens angeschlagenes Sozialstaatsmodell zu investieren – sozialer Kapitalismus, Wohlstand für alle, offen ausgelebter Nationalismus. Dieses Modell prägte Schwedens Nachkriegszeit und erscheint vielen Schweden bis heute erstrebenswert. Aber die Welt hat sich weiter gedreht und dieses System unter Druck gesetzt: Vor allem Schwedens Finanzkrise der 1990er Jahre mitsamt ihren Nachwehen, die zunehmende Globalisierung und Wirtschaftsimmigration – allesamt Entwicklungen, die ein einst homogenes und isoliertes Land bis zur Unkenntlichkeit veränderten.

Schwedendemokraten nicht mehr zu ignorieren

Anstatt nur aus einem Gefühl wirtschaftlicher Verletzlichkeit politisches Kapital zu schlagen – Schweden ist nach wie vor ein vergleichsweise reiches Land –, führen die Schwedendemokraten vielmehr die Angst vor kultureller Verletzlichkeit ins Feld. Mit einer verworrenen Mischung aus Sozialismus, Nationalismus und Feminismus versprechen die Schwedendemokraten die Rückkehr zu einem einfacheren, weißeren Schweden. Dieses Versprechen könnte, so die Hoffnung der Schwedendemokraten, der Partei eine ähnliche Beliebtheit bescheren wie einst das schwedische Modell selbst. Bei einer fast doppelt so hohen Zahl an Wählerstimmen sieht sich Jimmy Åkesson nun in der Rolle des Königsmachers zwischen den großen politischen Lagern im schwedischen Parlament.

"Das Wahlergebnis wird es den anderen Parteien wahrscheinlich schwerer machen, die Schwedendemokraten so zu ignorieren wie bisher", meint Hübinette, der einst die Entwicklung der Schwedendemokraten und Schwedens gewaltbereiter Neonazi-Szene in seinem Expo-Verteilerbrief dokumentierte. Daraus entstand das heutige Magazin, das Stieg Larsson bis zu seinem Tod herausgab. Auf diese Weise verbrachte Hübinette viele Stunden mit Larsson in dessen Archiv. Ein Jahrzehnt nach dem Tod des Autors geht Schwedens Kampf mit der rechten Szene in eine neue Runde.

Für Hübinette zeigt das Wahlergebnis deutlich, dass Schwedens Kampf, sich im 21. Jahrhundert neu zu erfinden, das Land anfällig für politischen Populismus macht. "Die nationalsozialistische Ideologie gehört nicht nur zur Geschichte Europas. Tatsächlich reicht sie in immer neuen Formen hinein bis in unsere Gegenwart."