Eine kurdische Syrerin an der Grenze zur Türkei © Murad Sezer/Reuters

Seit Dienstagmorgen fliegen die Kampfflugzeuge der USA und mehrerer arabischer Staaten Angriffe gegen Stellungen des "Islamischen Staats" (IS) in Syrien. Seitdem kommentieren, loben oder kritisieren Politiker und Anti-Terror-Experten aus aller Welt Barack Obamas Kriegserklärung an das selbsternannte Kalifat. Eine Gruppe kommt in diesem Chor der Stimmen so gut wie nicht vor: die syrische Zivilbevölkerung.

Dabei melden sich Syrer durchaus zu Wort: zum Beispiel über die lokalen Koordinierungskomitees (LCCSyria), einem Aktivisten-Netzwerk, das seit Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime gewaltfreie Proteste organisiert und dokumentiert.
 

Noch am Dienstagabend gab LCCSyria auf Facebook eine Stellungnahme heraus: "Mit dem Beginn der Luftangriffe der USA und ihrer Alliierten auf Stellungen des Islamischen Staates beginnt für Syrien eine neue Phase. Die lokalen Koordinierungskomitees betonen noch einmal, dass sie das Assad-Regime für den vorrangigen Feind des syrischen Volkes halten und dass Extremismus und Terrorismus eine Folge der Verbrechen des Regimes sind. (....) Das Assad-Regime und IS nehmen sich nichts, wenn es um Terrorismus und Verbrechen gegen Leben und Würde des syrischen Volkes geht. (...) Deswegen muss die Befreiung der Syrer von IS einhergehen mit der Freiheit von dem Tyrannen Assad."

Zweifel an Motiven des Westens

Nicht nur skeptisch, sondern eindeutig ablehnend ist die Reaktion der Syrian Revolution Bases of Support: "Nun, da die USA erneut die Trommel für ihren Krieg gegen den Terror schlagen, bekräftigen wir unsere Ablehnung von Luftangriffen der US-geführten Koalition." Solche "imperialistischen Interventionen" dienten nur den repressiven Regimes im Irak und in Syrien sowie den wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA in der Region.

Die sind in Wahrheit ziemlich geschrumpft, aber man mag den Autoren nachsehen, dass sie nicht an hehre Motive des Westens glauben mögen.
 "Obamas Entschluss zu Luftangriffen kam nach der Ermordung amerikanischer Journalisten sowie der Verfolgung der christlichen und der jesidischen Minderheit durch den Islamischen Staat. Solche Taten unterstreichen die Barbarei dieser Faschisten. Aber wir fragen uns, warum Obama nicht gleichsam erschüttert worden ist durch den Tod unzähliger Muslime, die die Hauptziele von IS sind – oder durch den Tod des syrischen muslimischen Journalisten Bassam Raies, der im August von Daesh (der arabische Name für IS, Anm. d. Autorin), dem keine internationale Empörung folgte." Raies war ein Kameramann, der den Aufstand gegen Assad von Beginn an dokumentiert hatte. Er wurde von IS gefangen genommen, gefoltert und enthauptet.

Welches Leben wird betrauert?

Welches Leben wird betrauert? Welcher Tod erschüttert uns? Welcher Massenmord hat politische oder militärische Konsequenzen? In den westlichen Medien gilt IS inzwischen als transnationale Inkarnation des Bösen. Viele Syrer, die mehr als alle anderen unter dem selbsternannten Kalifat leiden, sehen darin aber nur die Heuchelei der internationalen Staatengemeinschaft. Assads Verbrechen gegen das eigene Volk mit Chemiewaffen, Massakern, Fassbomben, seine Hauptschuld an rund 200.000 überwiegend muslimischen Toten und Millionen von Flüchtlingen haben die Welt nicht zum Eingreifen bewegt. Dafür musste der IS erst Christen, Kurden und Jesiden jagen. Dieses Gefühl des Total-Verrats wird sich in Syrien auf Generationen hinaus ins kollektive Gedächtnis einbrennen.

Aufgrund der sich ständig ändernden Lage ist eine exakte Aufzeichnung der verschiedenen Positionen nicht möglich. © ZEIT ONLINE

Momentan aber steht für die meisten das eigene physische Überleben im Vordergrund.
 Die deutsche NGO Adopt a Revolution, die syrische Bürgerkomitees kontinuierlich unterstützt, sammelt derzeit auf ihrer Website weitere Kommentare aus dem Land. Bemerkenswert sei, so Mitgründer Elias Perabo, dass die Nachricht der amerikanischen Bombardements bei vielen Gesprächspartnern gar keine große Reaktion hervorgerufen habe. Für die Menschen in Orten wie Yarmouk, dem Palästinenser-Camp bei Damaskus, das vom Regime belagert wird, "steht die Suche nach Trinkwasser im Vordergrund." 

Assad inszeniert Gräueltaten nicht im Internet

In Ghouta wiederum, dem Schauplatz des Giftgaseinsatzes vom 21. August 2013, herrscht vor allem Verbitterung darüber, dass dieses Verbrechen völlig in Vergessenheit geraten ist. Die internationale Staatengemeinschaft hatte damals eben keine Konsequenzen gegen das Regime gezogen. Im Gegenteil: Durch seine Bereitschaft, bestimmte Chemiewaffen aufzugeben, wurde Assad wieder zum Verhandlungspartner – und nutzt dies seither, um umso brutaler mit Fassbomben, Chlorin-Gas und anderen Waffen gegen Rebellen, vor allem aber gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen.

Anders als das Kalifat inszeniert der Diktator seine Gräueltaten nicht im Internet. Damaskus profitiert vielmehr davon, dass die weltweite Obsession mit den Enthauptungsvideos des IS von den eigenen Verbrechen ablenkt.