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Samstags haben die Leute eben anderes zu tun. Einkäufe erledigen, Wohnung aufräumen, Kinder zum Sport bringen, solche Sachen. Und wer steht schon gern im Regen herum?

Das hätte erklären können, warum am vergangen Wochenende kaum 200 Menschen vor der russischen Botschaft in Berlin zusammenfanden, um gegen Putins Vorgehen in der Ukraine zu demonstrieren. Familie, Pflichten, betongrauer Berliner Himmel, schon klar. Nur, dass eine Stunde später mehrere Tausend Menschen am Brandenburger Tor vorbeiliefen. Die einen, unterstützt von den christlichen Parteien, marschierten für das Leben ("Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie"), die anderen für ein Recht auf Abtreibung. Beide Demos schafften es in die Nachrichten, die gegen den Krieg in der Ukraine nicht. Es war ja kaum einer da.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Es ist gut, wenn Menschen auf die Straße gehen und für ihre Überzeugungen einstehen, welche auch immer. Und doch wird Deutschland derzeit weder von zu liberalen noch von zu restriktiven Abtreibungsgesetzen oder "Euthanasie"-Plänen bedroht. Der Paragraph 218 ist nicht neu – der Krieg mitten in Europa hingegen schon.

Als 2003 eine militärische Intervention verhandelt wurde, gingen Hunderttausende auf die Straße. So konnte Gerhard Schröder trotz allem internationalen Druck eine deutsche Beteiligung am Irakkrieg ablehnen. Und jetzt: etwas weniger als 200 Menschen. Ein paar Russen, viele Ukrainer, wenige Georgier, einige Deutsche, die sich mit Osteuropa beschäftigen. Als ginge es uns alle nicht an, dass in der Ukraine Hunderttausende auf der Flucht in den Osten und in den Westen sind, dass mehr als 3.000 Menschen starben und ein Passagierflugzeug mit fast 300 Menschen an Bord abgeschossen wurde. Als habe es nichts mit uns zu tun, dass keine drei Flugstunden von Berlin entfernt dank Waffen europäische Grenzen neu gezogen und Territorien annektiert werden. Als sei dieser Krieg eine regionale Veranstaltung, die nichts mit Europa zu tun habe. Als sei er drei Mal so weit weg wie der Nahe Osten.

Woher die mangelnde Empathie? Liegt es an der Russlandfixierung, sei sie nun wirtschaftlicher oder historischer Art? An der schwer abzulegenden Gewohnheit, die Staaten Mittelosteuropas noch immer als jemandes Hinterhof anzusehen? An der Vermutung, es ginge nicht um die Ukraine, sondern um einen Stellvertreterkrieg? Fällt es deshalb so schwer, die verheerende Situation der Ukrainer anzuerkennen, ohne sich sogleich in die nächste Relativierung zu stürzen, die von Nazis und Nato handelt?  

Für den Krieg trägt Russland die Verantwortung

Ja, es gab Gewalt auf dem Maidan, ja, es machten auch Ultrarechte mit, aber im Verhältnis waren sie wenige. Ja, in den ersten Wochen nach dem Sturz Janukowitschs wurden Fehler gemacht, das bringen Umbrüche so mit sich. Ja, ja, ja. Dass aber die Ukrainer die Krim verloren haben, dass im Osten des Landes ein Krieg herrscht, der vorerst durch eine fragile Waffenruhe beendet ist, dass die Ukraine wichtige Gebiete verlieren wird, dass sie durch einen dauerhaften frozen conflict destabilisiert wird, dafür trägt Russland die Verantwortung, nicht die Ukraine.

Kein Krieg der vergangenen Jahrzehnte ging die Europäer mehr an als dieser: Die Entscheidung eines souveränen Landes für eine europäische Annäherung wird durch militärische Gewalt torpediert. Die Ukraine zahlt dafür einen immens hohen Preis – alle Zugeständnisse der vergangenen Wochen musste Petro Poroschenko aus einer Position der Schwäche heraus akzeptieren. Was hat schon jemand entgegenzusetzen, dessen Land pleite ist, eine zerstörte Armee hat und der nur auf an Bedingungen geknüpfte Unterstützung aus dem Westen hoffen darf?

Das alles geht uns etwas an. Und wer an dem vergangenen Samstag zu der kleinen Gruppe vor der russischen Botschaft dazugestoßen wäre, hätte keine Sektierer oder Kriegstreiber erlebt, sondern hören können, wie sehr sich die Redner bemühten, zwischen Putins Politik und dem russischen Volk zu unterscheiden. Wie sie nach Worten der Versöhnung suchten und auch Worte der Kritik fanden für die Verbrechen einzelner ukrainischer Freiwilligen-Bataillone. Wie sie jedoch darum baten, nicht zu vergessen, worum es geht: Dass Russland einen Krieg auf ukrainischem Boden führt und dies nicht folgenlos bleiben dürfe. 

Und wie am Ende der Demonstration ein paar wütende Russen störten, bis eine Frau mit ukrainischen Farben auf der Wange zu ihnen ging und auf Russisch zu diskutieren begann.