Ein ukrainischer Grenzsoldat in einem Militärfahrzeug in der Stadt Mariupol © Vasily Fedosenko/Reuters

Die vereinbarte Feuerpause in der Ostukraine wird trotz der Friedensbeteuerungen der Konfliktparteien nicht eingehalten. An dem von der Armee besetzten Flughafen der Separatistenhochburg Donezk seien am Sonntagmorgen Explosionen und Schüsse zu hören gewesen, teilte die Verwaltung der Großstadt mit. Die Detonationen waren bis in die Innenstadt zu hören. Der Flughafen ist seit Mai unter Kontrolle der Regierungstruppen und wurde seitdem immer wieder von den Rebellen angegriffen. Die Aufständischen in Donezk berichteten von vier getöteten Zivilisten. Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es zunächst nicht.

Bei Kämpfen in der Hafenstadt Mariupol wurde eine Frau getötet. Sie sei in der Nacht von Schüssen getroffen worden, als prorussische Rebellen das Feuer auf einen Kontrollposten eröffnet hätten, teilte die Stadtverwaltung mit. Es gab zudem drei Verletzte. Die getötete Frau war das erste Todesopfer seit Inkrafttreten einer Waffenruhe am Freitag.

In der Nacht waren durch einen Granateneinschlag eine Tankstelle und die umliegenden Häuser in Brand geraten. Die Stadtverwaltung von Mariupol teilte mit, ein Soldat sei verletzt worden, als ein Kontrollposten beschossen worden sei. Auch Reporter der Nachrichtenagenturen AFP und Reuters sowie Anwohner berichteten übereinstimmend von zahlreichen Detonationen. 

Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow machte die Separatisten für den Zwischenfall verantwortlich. Er kündigte Verstärkung für die Armee vor Mariupol an. Die Gegenseite sprach dagegen von "Provokationen" durch das Militär.     

Zudem berichtete die ukrainische Freiwilligenmiliz Bataillon Asow, ihre Stellungen seien mit Raketen beschossen worden. Die prorussischen Separatisten hatten zuvor den ukrainischen Regierungstruppen vorgeworfen, die Feuerpause gebrochen zu haben.  

Vertreter der Ukraine, Russlands und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatten am Freitag in Minsk mit den Separatisten eine Feuerpause für die Ostukraine vereinbart. Das Abkommen sieht den Abzug aller schweren Waffen vor, die Freilassung aller Gefangenen und die Bereitstellung von Hilfsgütern für die zerstörten Städte in der Region. Außerdem wurde nach Angaben der OSZE festgelegt, "die ungesetzlichen bewaffneten Formationen, die Militärtechnik sowie die Freischärler und Söldner aus der Ukraine herauszuführen". In den Grenzkreisen der Ukraine und Russlands soll eine Sicherheitszone gebildet werden.

Präsident Petro Poroschenko und sein russischer Kollege Wladimir Putin wollen nach einem Telefonat an der Waffenruhe festhalten.

Erste Gefangene freigelassen

Die prorussischen Aufständischen begannen der Regierung zufolge am Samstag mit der Freilassung von Gefangenen. Mehrere Soldaten seien in der Nähe der Separatistenhochburg Luhansk übergeben worden, sagte Poroschenkos Sprecher Swjatoslaw Zegolko in der Hauptstadt Kiew. Die prowestliche Führung der Ex-Sowjetrepublik will ihrerseits vermutlich an diesem Montag erste Gefangene freilassen. Die Aufständischen haben Schätzungen zufolge etwa 1.000 Soldaten in ihrer Hand, die Regierungstruppen demnach etwa 200 moskautreue Kämpfer.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) rief die Konfliktparteien zur strikten Einhaltung der Waffenruhe auf. Die Organisation habe Lastwagen mit humanitärer Hilfe in die Separatistenhochburg Luhansk geschickt. Wegen Granateneinschlags hätten die Fahrzeuge aber umdrehen müssen, teilte das IKRK per Twitter mit. "Hilfe ist sehr nötig in der Ostukraine. Wir müssen sie in Sicherheit liefern können, sobald wie möglich", hieß es. Zehntausende Einwohner von Luhansk müssen seit einem Monat ohne fließendes Wasser auskommen. Bei monatelangen Kämpfen in der Ostukraine waren etwa 3.000 Menschen getötet worden. 

Amnesty wirft Kriegsverbrechen vor

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat den Konfliktparteien im Osten der Ukraine Kriegsverbrechen vorgeworfen. "Alle Seiten in diesem Konflikt haben Missachtung für das Leben von Zivilisten gezeigt und verletzen eklatant ihre internationalen Verpflichtungen", teilte Generalsekretär Salil Shetty mit. Amnesty-Helfer hätten in der Ostukraine Fälle von willkürlichem Beschuss, Entführungen und Morde dokumentiert. Die Organisation legt den kriegsführenden Parteien auch Folter zur Last. Die Verbrechen würden sowohl von prorussischen Separatisten als auch von Milizen aufseiten der Regierung begangen. Die Regierung in Kiew müsse die Täter zur Rechenschaft ziehen. Andernfalls müssten die Ukrainer über mehrere Generationen mit den "Narben dieses Krieges" leben, erklärte Shetty.