Ein Schmäh-Banner mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin © Michal Cizek/AFP/Getty Images

Wenn Wladimir Putin in diesen Tagen so gern von Neurussland spricht, ist das mehr als ein kleiner Exkurs für historisch Interessierte. Erst recht, wenn er die Separatisten in der Ostukraine wie zuletzt als "Verteidiger von Noworossija" lobt.

Ihre "Erfolge bei der Unterbindung der Gewaltoperation Kiews" gegen die Bevölkerung sind Putins eigene Eskalation. Noch ist der russische Präsident nicht so weit gegangen, explizit die Gründung eines Staates unter dem historischen Namen zu fordern.

Auch am Wochenende vermeintlich nicht, als er für Gespräche der ukrainischen Regierung und der Separatisten die Linie vorgab: Es müsse um Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Eigenstaatlichkeit im Südosten der Ukraine gehen. Ein Kreml-Sprecher sah sich veranlasst, klarzustellen: Nein, die umkämpften Gebiete in der Region, die selbst ernannten Volksrepubliken, sollten kein souveräner Staat werden – das habe Putin nicht gemeint. Wie sollte der russische Präsident auch so etwas fordern, wo er doch unablässig davon spricht, es handele sich um einen innerukrainischen Konflikt?

Diese Rhetorik verschleiert zynisch die Realität: Die Separatisten führen Putins Krieg gegen die Ukraine, verstärkt durch russische Truppen und schwerstens bewaffnet von russischer Seite. Da wird schon jede Forderung aus Moskau nach einer Föderalisierung der Ukraine, nach mehr Selbstbestimmung der russisch geprägten Regionen unweigerlich zur Drohung.

Putins Hinweise sind eine Farce

Und jeder Hinweis, die Regierung in Kiew könne nur mit den Vertretern der separatistischen Volksrepubliken verhandeln, ist eine Farce: Vertreter sind die durchaus, aber eben des Kreml und nicht der Bevölkerung von Donezk, Luhansk oder irgendwo sonst in der Ukraine.

Und diese Separatisten – schon der Begriff verharmlost den Stellvertreterkrieg zum Volksaufstand – sie zeigen längst kein Interesse mehr an einer wie auch immer gearteten Föderalisierung: Sie wollen die Abspaltung und den Anschluss an Russland, kompromissbereit haben sie sich zuletzt nicht gezeigt. Wenn sie für Neurussland kämpfen und Putin gleichzeitig andeutet, worüber mit ihnen zu verhandeln wäre, dann ist schon die vage Andeutung einer Staatlichkeit der Ostukraine besorgniserregend.  

In Moskau kursieren ganz unterschiedliche Karten davon, wie Neurussland aussehen könnte – historisch reicht das Noworossija des russischen Kaiserreichs auf dem Staatsgebiet der heutigen Ukraine im Süden von der Grenze bei Luhansk bis hinüber nach Odessa, wo es an die moldawische Region Transnistrien stößt. 

Strategisch wichtiges Mariupol als Ziel

In den vergangenen Tagen hatten die prorussischen Milizen und russischen Soldaten eine neue Front im Südosten der Ukraine eröffnet, die selbst Außenminister Frank-Walter Steinmeier befürchten lässt, Russland wolle einen Korridor zur bereits völkerrechtswidrig einverleibten Schwarzmeer-Halbinsel Krim annektieren. 

Nirgends wird so deutlich, dass es keine Ukrainer sind, die den Osten von Kiew befreien wollen, wie in Mariupol. Die strategisch wichtige Hafenstadt am Asowschen Meer scheint das vorläufige Ziel des jüngsten Vorstoßes der russischen Milizen von der bereits eroberten grenznahen Stadt Nowoasowsk aus zu sein – von dort wäre der Durchmarsch zur Krim nur noch ein kleiner Schritt. In Mariupol herrscht die Angst, die Menschen graben sich ein, es ist die russische Armee, die sie fürchten. 

Angst und bange

Dass Russland eine Landbrücke zur Krim schaffen will, ist eine völlig realistische Überlegung: Die Halbinsel ist ohne einen solchen Korridor nur sehr schwer zu versorgen, weil sie ausschließlich per Flugzeug oder über das Meer zu erreichen ist. So weit lässt sich Putins Strategie analytisch fassen.

Alle bisherigen Sanktionen und Drohungen des Westens haben sein Kalkül dabei offenbar ebenso wenig verändert wie sämtliche Unterstützung, die der Ukraine zuteil geworden ist, weil sie doch zumeist nur symbolisch war. Wenn der ukrainische Präsident Petro Poroschenko also eindringlich davor warnt, sein Land könne sehr bald an einen Punkt gelangen, "an dem es kein Zurück mehr gibt", dann meint er eigentlich: Allein werden wir diesen Krieg verlieren.

Mehr denn je stellen sich deshalb zwei Fragen. Die eine lautet: Wie weit geht der Westen, um die Ukraine zu retten? Alles Militärische scheint ausgeschlossen, solange nicht Nato-Mitglieder wie Polen oder die baltischen Staaten Ziel der russischen Aggression werden. Woraus sich die zweite Frage ergibt: Wie weit wird Putin gehen? Wann immer er von Noworossija spricht, muss einem angst und bange werden.