Robert Leicht, 70, ist Politischer Korrespondent der ZEIT. Von 1992 bis 1997 war er ihr Chefredakteur. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender der Schule Schloss Salem e.V. © Nicole Sturz

Wie viele Wochen lang haben interessierte, desinteressierte oder verdrängungsbereite Zeitgenossen in Abrede gestellt oder doch in Zweifel gezogen, dass Russland sich militärisch nicht nur auf der Krim, sondern auch im Osten der Ukraine betätigt hat – wie durchsichtig larviert auch immer. Das sei alles irgendwie verlogene Propaganda aus der Gerüchteküche Amerikas. Am eifrigsten waren mit aktiver putinesker Desinformation die Trolle bei der Hand – auch in den Kommentarforen dieser Kolumnen.

Und nun? Nun haben wir es amtlich aus dem Kreml, dass es so war und ist. Wie sonst hätte Präsident Putin mit dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko das Abkommen über die hoffentlich irgendwann haltbare Waffenruhe verabreden können? Wer keine Waffen reden lässt, kann sie auch nicht zum Schweigen bringen. Und wie sonst könnten jetzt russische Helden gerühmt werden, die ihr Leben in der Ukraine gelassen haben? Mit anderen Worten: Moskau hat es jetzt für angebracht gehalten, die Maske fallen zu lassen. Jedenfalls diese Tatsachen können jetzt nicht mehr bestritten werden. Und wer gestern die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gelesen hat, kann nun nachschlagen, dass die Blaupause für diese Art von völkerrechtswidriger Grenzüberschreitung schon im Januar 2013 in einer Rede des russischen Generalstabschefs Waleri Gerassimow vorgelegt wurde – im Internet frei zugänglich. Man wundert sich, weshalb weder die westlichen Geheimdienste und Analytiker (und Korrespondenten der Medien) das erkannten, noch die übereifrigen Verteidiger der Moskauer Machtpolitik.

Eine andere Form der Realitätsverweigerung zeigt sich in manchen Reaktionen auf die Rede, die Bundespräsident Joachim Gauck zum 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs in Danzig gehalten hat. Dabei hatte er nichts anderes gesagt, als was die schlichte politische Einsicht gebietet. Deshalb hier die entscheidende Passage noch einmal im Wortlaut: "Weil wir am Recht festhalten, es stärken und nicht dulden, dass es durch das Recht des Stärkeren ersetzt wird, stellen wir uns jenen entgegen, die internationales Recht brechen, fremdes Territorium annektieren und Abspaltung in fremden Ländern militärisch unterstützen. Und deshalb stehen wir ein für jene Werte, denen wir unser freiheitliches und friedliches Zusammenleben verdanken. Wir werden Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten lassen sich in diesen Grundfragen nicht auseinander dividieren, auch nicht in Zukunft." Wer an irgendeiner dieser Feststellungen und an ihrem Realitätsgehalt etwas auszusetzen hat, möge das bitte Punkt für Punkt exakt benennen und begründen – und sich so zu erkennen geben.

Man dürfe nicht so reden wie Gauck, ohne der Millionen Kriegstoten der Sowjetunion zu gedenken... Pardon, dies war zunächst eine Rede zum Gedenken des Kriegsbeginns – und der fand statt mit dem Angriff auf Polen. Und 1939 war Väterchen Stalin noch ganz eines Sinnes mit Adolf Hitler in der Zerschlagung und Teilung des erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder errichteten polnischen Staates. Und der fühlt sich heute wieder von Russland bedroht. Im Übrigen: Wie kann man auf den Gedanken kommen, dass die sowjetrussischen Kriegstoten, von denen das Deutsche Reich die meisten auf dem Gewissen hat (wohl wahr!), in irgendeiner Weise heute die Völkerrechtsverletzungen und die Annexion der heutigen Moskauer Regierung rechtfertigen oder in einem milderen Licht erscheinen lassen könnten?

Eines der wichtigsten Dokumente auf dem Weg zu einer hoffentlich immer noch möglichen dauerhaften Friedensordnung in Europa war die in Helsinki unterzeichnete KSZE-Schlussakte von 1975. In ihr verpflichteten sich alle Staaten, gewaltsame Grenzänderungen zu unterlassen und die territoriale Integrität aller Unterzeichnerstaaten zu achten; im berühmten "Korb 3" verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten auf die Achtung wesentlicher Grund- und Menschenrechte. Soll es etwa unerlaubt und als eskalierende Maßnahme verrufen sein, jetzt festzustellen, dass Russland derzeit im Inneren wie im Äußeren die KSZE-Schlussakte nach Strich und Faden missachtet? Wer aufgrund eigener Realitätsverweigerung und Wirklichkeitsbeschönigung gut Wetter und Frieden machen will, macht sich letztlich zum Gespött seines Gegenübers.

Was mich in diesem Zusammenhang am meisten verwundert: Weshalb ist die Ukraine-Krise eigentlich nicht längst zum Gegenstand einer eingehenden Debatte im UN-Sicherheitsrat geworden? Warum soll es inopportun sein, dort über die Verletzung der territorialen Integrität der Ukraine, über die Einmischung in deren innere Angelegenheiten und über die Annexion der Krim ein Wörtchen zu reden?

Schon wahr, Europa muss auf Dauer, mit oder ohne oder nach Putin (wer immer dann kommen mag), mit Russland ein erträgliches Verhältnis finden. Doch das kann nicht auf Kosten der schlichten Wahrheit gelingen, dass vernünftige und tragfähige Politik damit beginnen muss, auszusprechen, was wirklich der Fall ist. Und was recht und richtig ist.