Der englische Guardian ist eine vernünftige liberale Zeitung. Er neigt nicht zur Kriegstreiberei, weiß Wort und Wirkung der Diplomatie zu schätzen und verschließt nicht die Augen vor der Gefahr einer schlafwandlerischen Eskalation des Ukraine-Konflikts. Aber letzte Woche floss dem Leitartikler des Blattes eine Einschätzung in den Computer, die mich beunruhigt: Man müsse sich früher oder später mit Deutschlands stillschweigender Übernahme der Russland-Politik beschäftigen.

Das beunruhigt mich, weil ich die Haltung der Bundesregierung im Ukraine-Konflikt für richtig halte: nicht in die Drohgebärden und Denkweisen des Kalten Krieges verfallen; kein Säbelrasseln zulassen; die Eskalationsspirale nicht leichtfertig weiterdrehen. Und, Bismarcks Wort eingedenk, dass man den "Draht nach Petersburg" intakt halten müsse, auch den Gesprächsfaden mit dem Petersburger Wladimir Putin aufrechterhalten.

Zwar hat Berlin der dritten (oder vierten?) Stufe westlicher Sanktionen zugestimmt – verhängt unverständlicherweise ausgerechnet in einem Moment, da die vereinbarte Waffenruhe im Großen und Ganzen zu halten schien und der ukrainische Präsident Poroschenko mitteilte, 70 Prozent der in die Ostukraine vorgedrungenen Truppen hätten das Land wieder verlassen. Die Bundesregierung fand sich da offenbar in der Lage Helmut Schmidts, der nach der sowjetischen Invasion Afghanistans 1980 beschloss, dass die Bundesrepublik den Olympischen Spielen fernblieb – nicht aus innerer Überzeugung, sondern um das deutsch-amerikanische Verhältnis nicht zu beschädigen. Sicherlich spielte bei der jetzigen Entscheidung auch die Überlegung eine Rolle, durch Sanktionsgefolgschaft weitere amerikanische Ansinnen zu militärischem Eingreifen im Irak abwenden zu können.

Die Zustimmung zu den neuen Strafmaßnahmen mag Berlin leichter gefallen sein, weil sie schon Ende des Monats wieder ausgesetzt oder ganz aufgehoben werden sollen, wenn Russland seine Zusagen voll einhält. Zugleich stellte die EU den Vollzug des Freihandelsabkommens mit der Ukraine bis Ende nächsten Jahres zurück; bis dahin sollen zahllose russische Einwände geprüft und geklärt werden. Wirklich durchdacht mutet solche Hüh-und-Hott-Politik nicht an.

Die Nato hat Putin durch ihre Gipfelbeschlüsse in Wales klargemacht, dass er mit den osteuropäischen Bündnismitgliedern, den drei baltischen Republiken und Polen nicht umspringen kann wie mit der Ukraine. Das Bündnis würde seine östlichen Mitglieder nicht im Stich lassen. Und – gleichgültig, wie viele Kompanien die Allianz im vorwärtigen Gebiet rotierend stationiert – in der atomaren Abschreckung liegt weiterhin die Garantie, dass Putin seinem Irredentismus nicht freien Lauf lassen kann.

Die Ukraine ist nicht Mitglied der Nato; Präsident Obama hat nicht von ungefähr darauf hingewiesen. Die Allianz kann sie nicht verteidigen. Sie sollte auch dem ukrainischen Wunsch nach Nato-Mitgliedschaft eine klare Absage erteilen und Kiew obendrein westliche Waffenlieferungen verweigern. Im Ernstfall blieben die Russen doch allemal stärker.

Wichtiger wäre es, mäßigend auf die ukrainische Führung einzuwirken. Sie hat gravierende Fehler gemacht. Das begann mit dem – erst beim zweiten Nachdenken wieder zurückgenommenen – Verbot der russischen Sprache. Dann bildete sie nach dem Umsturz vom Februar ein Kabinett, dessen Mehrheit gegen eine Verlängerung des Vertrages über den russischen Marinestützpunkt Sewastopol auf der Krim gestimmt hatte – eine klare Herausforderung Putins. Die prorussischen Seperatisten im Donbass überzog sie mit einem rücksichtslosen Krieg, eine politische Lösung versuchte sie nicht einmal – die zweite Herausforderung an Putin, der eine Niederlage der Rebellen nicht ohne schweren Gesichtsverlust hinnehmen konnte.

Jetzt sind Poroschenko und sein scharfmacherischer Ministerpräsident Jazenjuk auch noch auf die Schnapsidee verfallen, an der ukrainisch-russischen Grenze eine Mauer samt Graben und Infrarot-Überwachung zu bauen – und die EU soll einen Teil der Baukosten übernehmen. Da schlägt's doch dreizehn. Wollen wir wirklich 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer einen neuen Eisernen Vorhang durch Europa ziehen?

Es ist richtig, Druck auf Putin auszuüben. Doch hat solcher Druck nur einen Sinn, wenn er zu Verhandlungen und am Ende zu einer Lösung führt, bei der es nicht bloß um Feuerpausen geht, sondern um die Definition der künftigen europäischen Ordnung. Ein paar niedrige diplomatische Chargen in Minsk werden das nicht schaffen. Dazu bedarf es eines politischen Großereignisses wie des Wiener Kongresses von 1815 oder der Berliner Konferenz von 1878 – oder eines Groß-Prozesses wie den KSZE-Verhandlungen, die 1975 in die Helsinki-Akte mündeten. Die Mächte sollten endlich mit aller Kraft darauf hinarbeiten.

Helsinki wäre dabei abermals ein guter Verhandlungsort und eine Finnlandisierung der Ukraine ein angemessenes Verhandlungsziel: EU-Mitgliedschaft bei gleichzeitig engen wirtschaftlichen Verbindungen mit Russland, militärpolitische Neutralität und eine funktionierende, faire Minderheiten-Regelung.

Es ist wohl kein Zufall, dass sich so verschiedene Weltpolitiker wie Henry Kissinger und Zbigniew Brzeziński für eine solche Finnland-Lösung einsetzen. Selbst ein hartgesottener Realist wie der frühere US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, argumentiert: "Es wäre für die allgemeine politische Atmosphäre besser, wenn die Ukraine künftig eher eine Brücke zum Osten hin wäre als ein westlicher Vorposten."