Einige Tage nach dem Abschuss der MH-17 saß wie zu dieser Zeit  jeden Abend die OSZE in einem Hotel in Donezk, ihr Sprecher spulte nüchtern die Beobachtungen des Tages ab. Es ging vor allem um den Flug MH-17, aber dann fiel ein unauffälliger Satz, der nichts mit der Absturztragödie zu tun hatte: Die OSZE habe ihre Mitarbeiter aus Luhansk abgezogen, dort kämpften gegen die ukrainische Armee etwa 100 Gruppierungen mit mehreren Tausend Kämpfern. Dann sprach er weiter.

Der Satz fällt mir jetzt wieder ein, da eine brüchige Waffenruhe nun fast eine Woche hält, weil sie halten muss, denn vereinzelt wird weiterhin geschossen und gestorben. Auf beiden Seiten (Russland und Separatisten auf der einen, die Ukraine auf der anderen) kämpfen neben regulären Soldaten mittlerweile so viele unterschiedliche Verbände, dass die Sorge berechtigt ist, wer sie noch unter Kontrolle hat. Wem gegenüber sind sie loyal? Werden sie auf Befehle von oben noch hören, auch wenn sie mit den Beschlüssen der Politik nicht einverstanden sind?

Im Lager der Separatisten konnte man in Donezk um Umgebung kämpfen sehen: die Armee Osten (Wostok), die russisch-orthodoxe Armee, Söldner aus dem Kaukasus, die Gruppe Bollwerk (Oplot), nun ist ein offenbar neu gegründeter Verband selbsternannter russischer Nationalbolschewiken  dabei, hinzu kommen unzählige lokale Banden und Kriminelle. Sie haben in Teilen der Ostukraine eine Herrschaft der Waffen errichtet: Haben geraubt, haben Menschen verschwinden lassen, haben Schutzgeld erpresst, haben gefoltert, haben Hinrichtungen verübt, wie Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen eindrucksvoll dokumentieren.

Bei den Ukrainern kämpfen wegen des schwachen Militärs die Nationalgarde und mehr als 30 Freiwilligen-Bataillone, von denen die meisten dem Innenministerium unterstehen.

Da ist das Bataillon Dnipro, die Kämpfer haben neueste Wagen, neueste Uniformen und werden gut bezahlt von dem Oligarchen Ihor Kolomojski. Da ist das Bataillon Donbass, das bei der Einkesselung von Ilowajsk schwere Verluste hinnehmen musste. Dessen Kommandeur Semjon Semjontschenko wurde dort verwundet, konnte sich aber retten. Seitdem postet er wütend auf Facebook über das Schicksal seiner Leute, greift die Politiker in Kiew an und wirft ihnen Verrat vor. Er war einer derjenigen, die vor zwei Wochen zu Demonstrationen vor dem Verteidigungsministerium aufriefen. 

Und dann sind da noch fragwürdige, teils radikale Bataillone wie zum Beispiel Aidar, das im Norden Luhansks kämpft und dem Amnesty International in einem aktuellen Report Kriegsverbrechen vorwirft  – oder das Bataillon Asow, in dem neben moderaten Kämpfern mittlerweile auch Neonazis dabei sind. 

Keine Frage, die Waffenruhe ist die beste aller schlechten Lösungen. Fast 3.000 Menschen sind in diesem Krieg schon gestorben. Dass nun weitestgehend nicht gekämpft wird, ist die beste Nachricht seit Langem aus dieser Region. Aber die zwölf Punkte, auf die sich Russland, die Separatisten und die Ukraine in Minsk geeinigt haben, sind voller Fallstricke. Da ist zum Beispiel Punkt zehn, der die Entwaffnung aller ungesetzlichen Formationen vorsieht. Wer soll das sein? Wie soll das erfolgen? Ein anderer Punkt spart die Grenzfrage aus – Separatisten stellen sich ihren Einflussbereich in anderen Grenzen vor als Kiew das tut, da sie derzeit nur kleine Teile der Regionen um Luhansk und Donezk kontrollieren, aber viel mehr verlangen.

In erster Linie hängt ein Frieden von der politischen Bereitschaft aller Kriegsparteien ab, sich zu einigen. Das ist schwierig genug. Aber selbst wenn es gelingen sollte, könnten sich auf beiden Seiten Verbände finden, die nichts darauf geben, weil sie sich längst im Kriegsdenken der vergangenen Monate verheddert haben. Die finden, dass jetzt nicht die Zeit für Kompromisse ist. Dass zu viel Blut in den eigenen Reihen vergossen wurde, um nachzugeben.

Wer Waffen trägt (und kein Soldat ist), hat die Macht, die Politik vor sich herzutreiben. Im Osten der Ukraine tragen derzeit sehr viele Menschen sehr viele Waffen, die sie kaum abzugeben bereit sein werden. Das könnte, noch bevor ein Frieden begonnen hat, das Ende der Waffenruhe bedeuten.