Ukrainische Soldaten untersuchen einen beschädigten Panzer außerhalb von Mariupol. © Vasily Fedosenko/Reuters

Ich war auf den Schlachtfeldern meines Großvaters, auf de­nen jetzt wieder gestorben wurde. Ich habe in den vergangenen Wochen die Schützengräben um Donezk gesehen, die um Dobropolje und Mariupol – jene Städte, in denen er 70 Jahre zuvor als Freiwilli­ger für das vermeintlich Gute kämpfte. Die­se Reise in den Krieg der Ostukraine war für mich eine zutiefst verstörende Erfahrung. All diese Orte, die ein Teil des deut­schen Traumas ausmachen, des Traumas meiner Familie, jetzt als Kriegs­schauplatz zu erleben. Hügel, von denen die Wehr­macht rus­sische Truppen beschoss, dienen wieder als Artillerieposten, mal den Ukrainern, mal den Rebellen. Brücken, die die Deutschen bei ihrem Rückzug sprengten, wur­den jetzt an gleicher Stelle von den Ukrainern gesprengt. Gefallenenmahnmale, die nach dem Weltkrieg an Plätzen schwerer Kämpfe errichtet wurden, sind zerschossen, weil diese Orte erneut in der Feuerlinie standen. Die Topografie des Todes, die wir aus alten Wehrmachtsberichten kennen, wird in aktuellen Überblickskarten von CNN und der New York Times in Teilen wieder sichtbar.

Was für ein gespenstischer Krieg, der da Ende vergangener Woche vorläufig zum Stillstand gekommen ist, mit einer fragilen Übereinkunft, von der niemand weiß, ob sie hält. Innerhalb kurzer Zeit hat er sich entwickelt, aus Demonstrationen, aus Scharmützeln zwi­schen Radikalen, die an der Front oft beiderseits Masken tragen. Zuletzt drohte dieser Konflikt zu einem Krieg von industrieller Dimension zu werden. Zu einer Materialschlacht, einem Ermüdungs­krieg, dessen Ausgang klar war, bevor er begonnen wurde. Ob der Waffenstillstand hält oder nicht, ob das Kämp­fen noch einen Monat länger andau­ert oder ein Jahr, ob 1.000 sterben oder 10.000, am Ergeb­nis wird es vermutlich nichts ändern.

Die Ukraine bricht auseinander. Im besten Fall werden wir eine Fö­deralisierung des Landes sehen – mit einem Bundesstaat im Osten, der mit der Zentrale in Kiew nur noch wenig zu tun haben wird.

Der Konflikt ist scheinbar aus dem Nichts ausgebrochen, aber im Un­tergrund hat er schon lange geschwelt. Wie Glut­nester in der Kohle unter dem Donezk-Becken. Ich bin in den Neunzigern zum ersten Mal in die Region gereist, bin mit Minenarbeitern eine Woche lang in den Berg gefahren, zu den gefähr­lichsten Arbeitsplätzen Europas, wie es immer noch heißt. Ich habe erlebt, wie die russischstämmigen Kumpel die neuen Herren in Kiew der Unfähigkeit bezichtigten, der Ukraine vorwarfen, die Minen verfallen und so viele von ihnen sterben zu lassen – und wie sie die neue Freiheit gleichzeitig genossen. Ihre Loyalität gegenüber dem neuen Staat war stets in der Schwebe. In 23 Jahren ihrer Existenz hat es die Ukraine nicht geschafft, sich die Sympa­thien vieler Russischstämmiger zu erwerben.

"Wann verschwindet ihr endlich?"

Die Ukraine stand bereits vor dem Bankrott, bevor dieser Krieg begann. Finanziell wie psychologisch. Die Ar­mee scheint so desolat wie der innere Zusammenhalt dieses Lan­des. "Unser Militär ist in einem lausigen Zustand", be­klagt sich einer der Sicherheitsberater des SBU, des Inlandsge­heimdienstes der Ukraine. Und aus Schwäche wird leicht Grau­samkeit. Weil sie militärisch nicht in der Lage sind, die großen Zentren des Donbass zurückzuerobern, schossen sie aus der Ferne in die Städte hinein. Sie trafen das größte Kran­kenhaus von Donezk, Restaurants in der Innenstadt, Straßen­bahnen und Busse. Wer durch Donezk fährt, durch die Wohngebiete fernab der Front, sieht von Granaten aufgerissene Dä­cher, zersprengte Wände. Ganze Nachbarschaften sind zer­siebt von Schrapnellen.

Die Rebellen ihrerseits nahmen die Zivilbevölkerung als Gei­sel. Warum das Krankenhaus beschossen wurde? Weil gleich daneben eine Miliz ihr Hauptquartier bezogen hat. Warum das Regionalmuseum mehrfach getroffen wurde, wertvolle archäologische Archive auf immer zerstört sind? Weil Rebellen ein benachbartes Internat als Unterkunft nutzen. Donezk ist zu einer Stadt der Willkürherrschaft geworden, einer Stadt der Angst. Viele Einwohner, die mit den Rebellen zu­nächst sympathisierten, fragen jetzt: Wann verschwindet ihr endlich? Wann endlich leben wir wieder in Sicherheit? Sie sind Dutzenden unterschiedlichen Rebellenfraktionen ausgesetzt, die am helllichten Tag Autos stehlen, nach Laune Gebühren einfordern, sich untereinander ebenfalls misstrauen, erpressen, manchmal gegenseitig ihre Kommandeure entführen. Nur mit Schwierigkeiten, hat man den Eindruck, vermag es Russland, diesen Haufen von Abenteurern zu koordinieren und zu kontrollieren. 

Im Hauptquartier von Noworossija in Donezk hoch über der Stadt stöhnen die Führungsleute: über die russisch-orthodoxe Armee und wie wenig diszipliniert sie ist, besonders die Wo­stok-Miliz, der sie nicht trauen. Deren Spitze hatte sich neulich von der Idee eines neurussischen Reiches distanziert, das von Odessa bis Donezk reicht. "Sie können uns jederzeit in den Rücken fal­len", sagt der stellvertretende Parlamentspräsi­dent der Rebel­lenrepublik, und fügt hinzu: Noch sei nicht der Zeitpunkt gekom­men, mit ihnen abzurechnen.

Ist der Zeitpunkt jetzt nach dem Waffenstill­stand gekommen? Einige Milizen stimmen der Feuerpause zu, andere sind dagegen. Brechen nun die bisher verdeckten Konflikte offen aus? Droht ein Bürgerkrieg im Bürgerkrieg?