Amnesty International sieht keine Beweise für Massengräber im umkämpften ostukrainischen Donezk. Prorussische Separatisten hatten zuvor berichtet, ein Grab mit 400 Leichen entdeckt zu haben. Amnesty habe "keine überzeugenden Beweise für Massentötungen oder Gräber" gefunden, hieß es in einem Bericht über Hinrichtungen, den die Organisation am Montag vorstellte. Stattdessen sei die Organisation auf die Leichen von vier männlichen Zivilisten in zwei Gräbern in der Nähe des Dorfes Komunar gestoßen.

Die Menschenrechtsorganisation wirft sowohl prorussischen als auch proukrainischen Kräften vor, falsche Angaben über die Gräueltaten der jeweils anderen Seite zu machen. Fest stehe, "dass einige der schockierenden Fälle, über die berichtet wurde, besonders in russischen Medien enorm übertrieben waren", erklärte John Dalhuisen, Programmleiter für Europa und Zentralasien von Amnesty International.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte in der russischen Zeitung Ria Nowosti gesagt, bei dem Grab handele es sich offensichtlich um den Beweis für ein Kriegsverbrechen. Gleichzeitig kritisierte er westliche Medien, die nicht über den Fund berichtet hatten. Eine unabhängige Bestätigung der Zahl gibt es jedoch nicht. Die Regierung in Kiew hält die Darstellung der moskautreuen Separatisten für Propaganda und "russische Lügen", mit denen das ukrainische Militär nach dem Rückzug in schlechtes Licht gerückt werden soll.

Mit Berichten über rund 400 im Konfliktgebiet gefundene Leichen von Zivilisten hatten die Separatisten Ende September Druck auf die Führung in Kiew gemacht. Danach befanden sich die Gräber in Gebieten, die zuvor von der ukrainischen Armee beherrscht worden waren. Daraufhin hatte Amnesty Untersuchungen eingeleitet.

Einige Hinrichtungen könnten Kriegsverbrechen darstellen

"Was wir gesehen haben, sind einzelne Fälle von Hinrichtungen, die in einigen Fällen Kriegsverbrechen darstellen können", erklärte Dalhuisen zum Ergebnis der Amnesty-Recherchen. Solche gezielten Tötungen seien auf beiden Seiten nachgewiesen worden. "Alle verdächtigen Fälle sollten untersucht und die Verantwortlichen beider Seiten belangt werden."

Trotz Waffenruhe kommt es im Osten der Ukraine, wo Separatisten gegen die Armee kämpfen, immer wieder zu Gefechten. Beide Seiten werfen sich tödliche Angriffe auf Zivilisten vor.