Registrierung von ukrainischen Binnenflüchtlingen © Brendan Hoffman/Getty Images

In einem windschiefen Hinterhaus im Kiewer Zentrum stapeln sich gespendete Jeans, warme Jacken, ein fusseliges Stofftier lugt aus einer Plastiktüte. 15 Freiwillige verteilen Medikamente an Binnenflüchtlinge, vermitteln am Telefon Unterkünfte und Rechtsberatung. "Die Vorurteile gegenüber den Leuten aus dem Donbass sind ziemlich groß", sagt Alexandra Dworezkaja von der Kiewer Flüchtlingsinitiative Wostok SOS.

Dworezkaja ist klein und agil. Sie ist selbst im Frühjahr von der Krim geflüchtet, kurz vor dem Referendum, als es für proukrainische Aktivisten dort zu gefährlich wurde. Politisch Aktive, Intellektuelle, Journalisten und Tataren – solche Leute seien von der Krim in ukrainische Städte gekommen, sagt sie.

Die Krim-Flüchtlinge hätten zwar ständig versichern müssen, dass sie keine Verräter seien, doch man habe sie in Lwiw, Odessa, Kiew und anderswo nicht feindselig aufgenommen. Für die, die kurz darauf aus dem Osten kamen, sei es schwieriger: "Sie kommen aus einer anderen Schicht und manche lieben die Ukraine nicht."

Wer sich und seine Familie vor Kämpfen, Beschuss, Lebensmittelknappheit und Chaos in den Gebieten Donezk und Luhansk in Sicherheit bringen wollte, hatte nur zwei Möglichkeiten: über die Grenze nach Russland gehen oder versuchen, anderswo in der Ukraine unterzukommen. 275.000 Menschen haben dieses Jahr innerhalb des Landes ihren Wohnort verlassen, schätzt das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Einige mehr sind nach Russland gegangen. Wie viele es genau sind, ist unklar, nicht alle haben sich registriert. 11.000 Menschen hat die Initiative Wostok SOS eine Unterkunft besorgt, 2.500 davon in Kiew.  

Aus Luhansk kam Swetlana Kuprina. Sie ist mit ihrem 21-jährigen Sohn geflohen. Am Stadtrand wurde geschossen, vor ihrer Tür fuhren betrunkene Separatisten mit Autos herum und grölten. Anarchie und Chaos. Kuprina ist Lehrerin, ihre halblangen Haare sind leuchtend rot gefärbt, auf ihrem blauen Pullover glitzern Pailletten. Vor zwei Wochen war sie zu Hause, Wintersachen holen. Der Minibus musste 14 Checkpoints passieren: sieben der ukrainischen Armee, sieben der Separatisten. Kuprinas Wohnung war noch intakt, aber auf den zwölf Etagen wohnte kaum noch jemand. Kein Wasser, kein Strom, auf der Straße keine Polizei.      

Es gebe eine Hotline der sogenannten Volksrepublik Luhansk für den Fall, dass etwas passiert, sagt Kuprina. "Wenn man dort anruft, kommen Jungs mit Kalaschnikows und lösen das Problem auf ihre Weise." Erst wenn Luhansk wieder unter ukrainischer Kontrolle ist, kann sie sich vorstellen, zurückzuziehen. Ihr Sohn soll nicht gezwungen werden, für die Separatisten zu kämpfen.

Kuprina ist keine, die um Hilfe bittet. Sie sei gebildet. "Mit 54 Jahren muss ich nochmal von vorn anfangen", stellt sie fest. Ihre Unterkunft hat sie in Kiew selbst gefunden, ihre Arbeit hat sie selbst gesucht, übers Internet. Die Wohnung in Kiew kostet umgerechnet 160 Euro, mit ihren drei Jobs verdient sie umgerechnet 230 Euro. Sie ist jetzt Putzfrau. Der Sohn kann weiter studieren. Auf dem Arbeitsamt in Kiew hatte man ihr eine Teilzeitstelle als Lehrerin angeboten, von dem Gehalt hätte sie nicht einmal ein Viertel der Miete zahlen können. Das war das einzige Angebot des Staates. "Den Kiewern sind wir völlig egal."

Rückkehr in bedingt befreite Städte

Mittlerweile ziehen die ersten wieder zurück in den Osten. Die ukrainische Armee hat Territorien zurückerobert. Mit den Rebellen der selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk wurde ein fragiler Waffenstillstand ausgehandelt. "Sie haben in Kiew kein Leben gefunden, keine Arbeit", sagt Alexandra Dworezkaja von Wostok SOS. Viele Unterkünfte sind nicht winterfest. Die Leute kehren in Städte wie Slowjansk zurück. Dort haben sie vielleicht noch eine Wohnung, ein Haus.   

Dworezkaja spricht von "bedingt befreiten Städten", befreit von Separatisten, aber nicht unter Kontrolle von ukrainischen Sicherheitskräften. Ob das Haus noch steht, ob das Leben dort funktioniert, ist von Kiew aus nicht zu beurteilen. Deshalb schickt Wostok SOS selbst Beobachter dorthin, die herausfinden sollen, ob es für Rückkehrer wieder sicher ist. Auf die Angaben des Staates, sagt Dworezkaja, könne man sich nicht verlassen. "Nicht jeder vom Verteidigungsministerium gemeldete Erfolg ist wirklich ein Erfolg."