Der erste indigene Präsident Boliviens, Evo Morales, wird bei der Präsidentschaftswahl aller Voraussicht nach eine beispiellose dritte Amtszeit gewinnen. Die Wahllokale sollten um 14.00 Uhr MESZ öffnen und acht Stunden später schließen. Erste Ergebnisse werden am frühen Montagmorgen deutscher Zeit erwartet.

Morales schlägt seit langem Kapital aus seiner Herkunft, seiner antiimperialistischen Rhetorik und der immer festeren Kontrolle über staatliche Institutionen, die seine Partei Movimiento al Socialismo (MAS) vorangetrieben hat. Doch seine andauernde Popularität ist wohl vor allem der wirtschaftlichen und politischen Stabilität des Landes zuzuschreiben.

Seit Morales' Amtsantritt 2006 hat ein Boom bei den Rohstoffpreisen dazu geführt, dass die Exporteinnahmen um das Neunfache angestiegen sind. Das Land hat zudem 15,5 Milliarden Dollar an internationalen Reserven angehäuft – und das Wirtschaftswachstum lag mit durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr deutlich über dem regionalen Durchschnitt. Morales nutzte die Gewinne, um Subventionen für Schulkinder und Pensionen für die älteren Bürger einzuführen. Einer halben Million der rund 10,5 Millionen Bolivianer gelang der Weg aus der Armut.

Verfassungsänderung würde unbegrenzte Wiederwahl ermöglichen

In der jüngsten Umfrage vor der Wahl lag Morales mit 59 Prozent deutlich vor seinem schärfsten Rivalen, dem Zement- und Schnellimbiss-Magnaten Samuel Doria Medina. Nach einer Erhebung von Equipos Mori vom 3. Oktober dürfte Morales in allen neun Departamentos des Landes einen Sieg einfahren.

Sein Ziel bei der Wahl lautet nicht nur, seine vorherige Bestmarke zu übertreffen – bei der Wahl 2009 hatte er 64 Prozent der Stimmen für sich entschieden. Es geht ihm auch darum, eine Zweidrittelmehrheit in Senat und Unterhaus aufrechtzuerhalten, wie der Politikwissenschaftler Marcelo Silva von der Universidad Mayor de San Andrés in La Paz sagte.

Wenn ihm dies gelingt, könnte Morales die Verfassung so ändern, dass er beliebig oft wiedergewählt werden kann. Derzeit sind nur zwei fünfjährige Amtszeiten als Präsident möglich. Ein Gericht urteilte vergangenes Jahr, dass Morales für eine weitere Amtszeit kandidieren könne, da seine erste vor einer Überarbeitung der Verfassung stattgefunden habe.

Zu Morales' Verdiensten gehören der Bau und die Entsendung des Kommunikationssatelliten "Tupac Katari", eine Düngemittelfabrik und das neue Seilbahnsystem von La Paz. Sein neuestes Versprechen: die Hauptstadt durch Atomenergie erstrahlen zu lassen. Morales hat aber auch Umweltschützer und viele frühere Verbündete vor den Kopf gestoßen, indem er sich für den Bergbau und eine geplante Dschungelstraße durch ein indigenes Reservat einsetzte.

Andenland in der Gruppe der 77

Bolivien gehört zur Gruppe der 77 – dem zentralen Zusammenschluss der Entwicklungs- und Schwellenländer in den Vereinten Nationen. Obwohl das Land reich an Ressourcen ist, gehört es zu den am wenigsten entwickelten Staaten Lateinamerikas. Viele Ökonomen glauben, dass Land sei zu stark von Rohstoffen abhängig. In der ersten Jahreshälfte 2014 machten Erdgas und Minerale 82 Prozent der Exporteinnahmen aus.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Kokain-Wirtschaft im Untergrund. Der frühere peruanische Drogenzar Ricardo Soberón schätzt die jährlichen Einnahmen mit Kokain in Bolivien auf 2,3 Milliarden Dollar – rund sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Morales fördert die traditionelle Verwendung der Kokapflanze, erklärt aber, eine Nulltoleranz gegenüber Kokain zu haben.

Die Fähigkeit seiner Regierung, gegen Kriminalität und Korruption anzukämpfen, wird dennoch infrage gestellt. Der Wahrnehmungsindex der Organisation Transparency International stufte Bolivien vergangenes Jahr als das drittkorrupteste Land Südamerikas ein, hinter Venezuela und Paraguay. Morales' Gegner werfen ihm vor, Millionen an staatlichen Mitteln für seinen Wahlkampf ausgegeben zu haben, wodurch er sich einen unfairen Vorteil verschafft habe.