Theo Sommer, 85, war von 1972 bis 1992 Chefredakteur der ZEIT, danach ihr Herausgeber bis zum Jahr 2000. © Jakob Börner

Wir alle starren in diesen Tagen gespannt und gebannt auf die Ukraine-Krise und auf die gewalttätigen Umbrüche im Mittleren Osten. Dabei gerät uns völlig aus dem Blick, dass sich zur gleichen Zeit im asiatisch-pazifischen Raum eine geopolitische Umwälzung historischen Ausmaßes vollzieht. In der bevölkerungsreichsten und dynamischsten Region der Welt geht es im Kräfteviereck China – Indien – Japan – Amerika um die Herausbildung eines neuen Mächtemusters. Es wird dem 21. Jahrhundert eine entscheidende Prägung geben.

Was ein halbes Jahrhundert lang als "der Westen" galt, sieht sich angesichts von Putins unverhohlenem Revisionismus zurückgeworfen auf die – und um anderthalbtausend Kilometer nach Osten verschobenen – Frontlinien des Kalten Krieges; die zentralen Organisationen und Institutionen jener überwunden geglaubten Epoche, die NATO und die OSZE, stehen auf einmal wieder im Rampenlicht: Zugleich sind die USA und ihre europäischen Verbündeten aufs Neue militärisch in den Mittleren Osten verwickelt – gerade, als sie ihm nach den missglückten Interventionen im Irak und in Afghanistan den Rücken kehren wollten.

Im Windschatten dieser Vorgänge ist in Asien die Suche nach dem künftigen Mächtegleichgewicht voll entbrannt. Noch ist nicht absehbar, worauf es hinausläuft. Noch werben alle um alle; noch haben alle mit fast allen Probleme, die einer Neuauswuchtung des geopolitischen und geostrategischen Kräfteverhältnisses entgegenstehen; noch sichern auch alle sich nach allen Seiten ab.

Konfrontation statt "Co-Evolution"

An der Reisediplomatie der letzten Monate lässt sich dies deutlich ablesen: Der neue indische Premierminister Narendra Modi in Japan und in den USA; Chinas Präsident Xi Jinping in Indien; US-Präsident Barack Obama in Südostasien; der australische Premier Tony Abbot in Delhi, ein chinesisch-südkoreanisches Gipfeltreffen in Seoul – so viel Bewegung war in Asien noch nie. Wo mag sie hinführen?

Von zentraler Bedeutung ist bei alledem das künftige Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten: Vor wenigen Jahren noch befürchteten viele ein chinesisch-amerikanisches Kondominium im Pazifik; von "G-2" war die Rede. Davon spricht heute niemand mehr. Dominique Moïsis Idee, dass die Chinesen und die Amerikaner der Welt in einer Art "bipolarer Hegemonie" hundert Jahre Frieden bescheren könnten, wie Briten und Russen dies nach dem Wiener Kongress von 1815 getan hätten, wirkt heute eher weltfremd. Auch Henry Kissingers Konzept der "Co-Evolution", in der sich die beiden Mächte aufeinander zu entwickeln, ist derzeit chancenlos.

Eher sieht es nach Konfrontation aus, ja: nach einem neuen Kalten Krieg. China will die USA aus dem Westpazifik verdrängen; Washington jedoch macht keine Anstalten, zur Seite zu rücken, sondern sucht die immer aggressiver auftretende Volksrepublik einzudämmen. "Einschüchterung und Nötigung" wirft ihr der US-Verteidigungsminister Chuck Hagel vor.

Wettlauf um Indien

Der chinesische Chauvinismus im südchinesischen Meer und in den nordpazifischen Gewässern verschreckt die Nachbarn von Hanoi bis Tokio. Um die Paracel-Inseln, die Spratleys, das Scarborough-Riff und das Johnson Reef liegt China im Streit mit Vietnam, Malaysia, Borneo und den Philippinen; immer wieder kommt es dort zu Zusammenstößen. Noch spannungsgeladener und gefährlicher sind die eskalierenden Territorialstreitigkeiten zwischen China und Japan, bei denen es um fünf öde Felseneilande im Ostchinesischen Meer geht, von den Japanern Senkaku genannt, von den Chinesen Diaoyutai.

Es ist kein Wunder, dass sich die Anrainerstaaten des Pazifiks, obwohl ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu China immer enger werden, wieder verstärkt unter den amerikanischen Schutzschirm drängen. Zugleich bemühen sich Japan und Amerika, aber auch China oder Australien auffällig um Indien. Es ist der "swing state" in Asien, gleichsam das Zünglein an der Waage.

Abe verkündete eine "spezielle" strategische Partnerschaft und versprach Indien 35 Milliarden Dollar an japanischen Investitionen. Australien kündigte eine Verstärkung der militärischen Zusammenarbeit an. In dem Bestreben, Indien der unter Führung der USA und Japan sich herausbildenden anti-chinesischen Koalition fernzuhalten, ließ sich Xi Jinping nicht lumpen; 20 Milliarden Dollar chinesischer Investitionen in Eisenbahnen, Industrieparks und Straßen stellte er in Aussicht.

Es fehlt in Asien nicht an Konfliktherden

Die Inder spielen indes ein kühles Spiel. Sie preisen die Partnerschaft mit Amerika, das inzwischen zu ihrem zweitgrößten Rüstungslieferanten nach Russland geworden ist. Doch instrumentalisieren lassen werden sie sich nicht. "Indien wird nicht der Juniorpartner der USA", sagt Raja Mohan von der Observer Research Foundation in Delhi. "Es wird die Rivalitäten zwischen Japan und China, aber auch zwischen China und Amerika für sich zu nutzen wissen."

Auch das Verhältnis zwischen dem chinesischen Drachen und dem indischen Elefanten ist zweischneidig. Die von Xi anvisierte Zusammenarbeit zwischen "the world’s factory" und "the world’s back office" entspricht ihren Interessen. Aber die Erinnerung an den chinesischen Überfall an der Himalaya-Grenze im Jahre 1962 ist noch nicht verblasst. Während Xi Jinpings Staatsbesuch gab es wieder einmal, wie so oft, Grenzscharmützel im indischen Arunachal Pradesh, den die Chinesen "Süd-Tibet" nennen. Nicht von ungefähr stellte Modi Chinas vistarvad, seinem Expansionismus, das eigene Konzept vikasvad entgegen: Entwicklung; forderte zu einer friedlichen Grenzregelung auf und erhöhte den Verteidigungsetat um 15 Prozent. Und lieber als vom "chinesischen Jahrhundert" spricht er vom "Jahrhundert Asiens".

Es fehlt in Asien nicht an Konfliktherden. Woran es fehlt, ist eine Regional-Organisation, unter deren Ägide vertrauensbildende Maßnahmen den Absturz in kriegerische Konflikte verhindern können.

Was denken die Asiaten selber? Nächste Woche ein Bericht aus Korea.