Die neue EU-Kommission unter Führung von Jean-Claude Juncker steht vor großen Herausforderungen: Sie muss das Wirtschaftswachstum ankurbeln, den Klimaschutz vorantreiben, die Energieversorgung Europas sicherstellen, die digitale Revolution beschleunigen, mit der Ebola-Krise fertigwerden, die Verzahnung von Euroland mit der Gesamt-EU angehen und das Verhältnis zu Russland auf eine langfristig belastbare Basis stellen.

Und dann muss sie noch den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zu verhindern suchen – ohne den Briten Zugeständnisse zu machen, die mit den europäischen Zwecken und Zielen unvereinbar wären.

Premierminister David Cameron hatte im Januar 2013 angekündigt, dass er Verhandlungen über eine Reform des britischen Verhältnisses zur Europäischen Union anstrebt. Im Jahr 2017 will er – sofern er die nächsten Wahlen gewinnt – die Briten zu einer Volksabstimmung darüber aufrufen, ob das Vereinigte Königreich Mitglied der EU bleibt, der es seit 1973 angehört.

Angesichts des wachsenden Unmuts der Briten über die zunehmende Einwanderung aus den östlichen EU-Ländern will Cameron eine der vier Freiheiten aufheben, auf denen das europäische Projekt seit seinen Anfängen gründet. Aus dem Freizügigkeitsquartett – Freizügigkeit von Kapital, Gütern, Dienstleistungen und Menschen – will er die Bewegungsfreiheit der Arbeitskräfte herausnehmen. Sein neuer Außenminister Philip Hammond erklärte es zum Ziel von Camerons EU-Strategie, "unter der Europäischen Union ein Feuer anzuzünden".

Der Premier sieht sich in der Klemme: Die europafeindliche United Kingdom Independence Party (UKIP) sitzt ihm im Nacken. Bei den Europawahlen hat sie im Frühjahr 26,6 Prozent der Stimmen bekommen. Jüngst erst brachte sie bei einer Nachwahl zum Unterhaus ihren ersten Abgeordneten ins Parlament. Und sie gewinnt Gefolgschaft: 47 Prozent der Befragten befürworteten zuletzt den Austritt Englands aus der EU, 46 Prozent erklärten sich gegen das Prinzip der Freizügigkeit. (Nach einer anderen Umfrage allerdings waren 56 Prozent dafür, dass das Vereinigte Königreich in der Europäischen Union bleibt.)

Zwischen 1991 und 2003 kamen ungefähr 61.000 Migranten jährlich aus der EU nach England. Seit 2004, als acht europäische Staaten der Union beitraten, hat sich diese Zahl auf 170.000 pro Jahr erhöht. Es ist diese Statistik, die jetzt die Briten – wie ja auch Menschen in anderen EU-Staaten – in die Panik treibt und Cameron in die Attacke.

Fast alle britischen Regierungschefs nach Edward Heath waren nur halbherzige Europäer. Harold Wilson ließ 1975 schon einmal über die Mitgliedschaft Englands abstimmen; 67 Prozent sprachen sich dafür aus. Margaret Thatcher erpresste die Brüsseler Gemeinschaft ("I want my money back!") und schlug einen saftigen Beitragsrabatt für sich heraus. Keiner seiner Vorgänger ging jedoch so weit wie Cameron, der jetzt eine der vier Grundfreiheiten in Europa aufheben will.

Aus Brüssel schlug ihm verständlicherweise viel Kritik entgegen. Der scheidende Kommissionspräsident José Manuel Barroso warnte England davor, sich trotzig in die Isolation zu begeben. Dies werde nur die Chancen auf ein Entgegenkommen in den bevorstehenden Verhandlungen innerhalb der EU verringern. Der neue Präsident Juncker stieß ins gleiche Horn: "Was die Freizügigkeit innerhalb Europas anbelangt, so war dies von Anfang an ein Grundprinzip der EU. Ich bin nicht bereit, daran etwas zu ändern, denn wenn wir die Freiheit des Personenverkehrs abschaffen, dann werden andere Freiheiten demnächst auch fallen. Deshalb bin ich nicht bereit, unverantwortliche Kompromisse zu schließen."

Auch aus London sind warnende Stimmen zu hören. "Diese Regierung verliert rasch an Freunden und Einfluss in dem wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Club, dem sie angehört", schreibt die Financial Times. Das Blatt erinnert daran, dass die hohen Einwandererzahlen aus der Europäischen Union dem Vereinigten Königreich erheblichen ökonomischen Nutzen bringen. Es merkt weiter an, dass Cameron zwar kräftig die Trommel rührt: "I will get what Britain needs." ("Ich werde kriegen, was England braucht") Wie er dies erreichen will, hatte er aber bisher freilich nicht verraten.

Ginge es ihm lediglich darum, einige der problematischsten Bürokratieauswüchse weg zu verhandeln und Ernst zu machen mit der Subsidiarität, so stünden seine Chancen sicherlich nicht schlecht; da gäbe es Verbündete. Sollte er allerdings darauf beharren, einen tragenden Pfeiler der europäischen Konstruktion zum Einsturz zu bringen, so wird er sich eine blutige Nase holen.

Cameron hat sein Land an die Tür nach draußen geführt. Die Partner werden sich unter Umständen darauf einstellen müssen, dass er aus Verlegenheit, Verzagtheit oder Verzweiflung den Schritt in die vermeintliche Freiheit einer "prosperierenden Welthandelsnation, die sich frei weiß von EU-Verordnungen und EU-Dogma" gehen wird – das Traumziel der Europa-Skeptiker. 

Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es gemeinhin. Aber man soll sie auch nicht mit brutalen Fußtritten traktieren wie der horrenden Nachzahlungsforderung an Cameron. Etwas diplomatisches Feingefühl dürfte man doch auch von der Brüsseler Bürokratie verlangen. So groß auch die Versuchung sein mag, die widerborstigen Briten gehen zu lassen – der "Brexit", Britanniens Ausscheiden aus dem EU-Verband, wäre auch für das übrige Europa ein fatales Signal.