Auf der Geberkonferenz in Kairo hat die internationale Gemeinschaft unlängst Milliarden für den Wiederaufbau des Gazastreifens zugesagt. Noch allerdings ist völlig unklar, wie viel davon und auf welchen Wegen es die Menschen im Gazastreifen erreichen wird. Die Zeit drängt, denn nach dem desaströsen Krieg mit Israel droht nun den 1,7 Millionen Bewohnern des Palästinensergebiets im Winter ein weiteres humanitäres Desaster. 

Die Zerstörung ist noch immer massiv: In Beit Hanun, Shujaiyya, Khuzaa steht kaum ein unbeschädigtes Haus. Viele Menschen wohnen in Ruinen, in denen manchmal nur noch ein Raum nutzbar ist, und die so aussehen, als könnten sie jeden Moment zusammenfallen.  

Eine Alternative sind nur jene überfüllten Schulen des UN-Hilfsprogramms UNRWA, die noch immer Flüchtlinge beherbergen und in denen daher noch nicht das reguläre Schuljahr beginnen konnte. In anderen Schulen werden drei- oder vierfache Unterrichtsschichten pro Tag gestemmt.

Traumatisierte Zivilbevölkerung

Ein Besuch nach diesem jüngsten Krieg zeigt nicht nur das Ausmaß der Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, sondern auch der tiefen Traumatisierung der Menschen. Auch zwei Monate nach Ende des Krieges können sie an wenig anderes denken als den blanken Horror, den sie durchleben mussten. "Ich wollte mich in Behandlung begeben", sagt mir eine junge Bloggerin in Gaza, "aber mir wurde klar, dass auch die Psychologen traumatisiert sind". Während 51 Tagen gab es keinen sicheren Ort. Menschen mussten ihre Häuser verlassen und wussten nicht, wohin sie fliehen sollten. Viele haben unter den insgesamt über 2.200 Getöteten Verwandte oder Freunde zu beklagen.

Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem hat ein schockierendes Schaubild veröffentlicht: In 72 einzelnen Bombenangriffen wurden jeweils ganze Familien ausgelöscht, insgesamt 547 Menschen. Dieser Krieg hatte eine neue, noch beängstigendere Qualität als jene von 2008/09 und 2012.

Trauriger Schlusspunkt war die Zerstörung von drei hohen Wohntürmen. Nur vom "Italienhaus" steht noch eine mahnende Ruine. "Vielleicht wird das mal wie die Gedächtniskirche in Berlin", meint ein Freund, der in Deutschland studiert hat. Zwei andere Wohntürme, Al-Basha und Al-Thafer 4, wurden komplett von israelischen Raketen zerstört, abgeschossen von F-16 Kampfjets. In Al-Basha, sagt mir ein Fatah-Vertreter, wohnten "ausschließlich unsere Leute". 

Ein anderer Bekannter erzählt mir, dass er von dem bevorstehenden Beschuss Al-Thafers hörte und den Angriff mit seiner Handykamera auf einem Video festgehalten hat. "Wir dachten, einzelne Apartments würden beschossen, da die israelische Armee verkündet hatte, sie vermute dort Hamas-Quartiere." An diesen Orten der Zerstörung sind nun riesige Leerstellen und hohe Schuttberge. Bis zu vier Millionen Tonnen Schutt bleiben zurück. Wie soll der beseitigt werden? Ohne Baumaschinen, ohne Exportmöglichkeit, ohne Platz für Müllkippen. Was angeblich der militärischen "Abschreckung" dienen sollte, ist in jeder Hinsicht kontraproduktiv und erschüttert im wahrsten Sinne die elementaren Grundlagen der Gesellschaft und des Überlebens im Gazastreifen.

Besuch in einem großen Gefängnis

Seit drei Jahren reise ich im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung immer wieder in den Gazastreifen. Die jeweils wenigen Tage oder Stunden fühlen sich an wie ein Besuch im Gefängnis. Ist das eine harte, zu harte Beschreibung? An der Grenze, die den schmalen Küstenstreifen vom Süden Israels trennt, ragt eine hohe Mauer empor, in regelmäßigen Abständen von Aussichtstürmen mit Maschinengewehren gespickt, deren Läufe in das Innere des Gazastreifens gerichtet sind. Die Architektur gleicht einem Hochsicherheitsgefängnis, nicht einer Landesgrenze.

Ein Todesstreifen reichte bis zum jüngsten Krieg mindestens 500 Meter in den Gazastreifen herein, was bis zu 35 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche im kleinen Gazastreifen der Nutzung entzog. Dazu kommen die ständige Überwachung aus der Luft und eine Seeblockade. Wer hier als Besucher verweilt, kann schnell Platzangst bekommen. Einige Meilen vor der Küste liegen israelische Kriegsschiffe, welche Waffenschmuggel verhindern sollen, aber fast täglich die kleinen palästinensischen Fischerboote beschießen, wenn sie der jeweils gerade geltenden Seemeilengrenze zu nahe kommen. Nach dem jüngsten Krieg sind es wieder sechs Seemeilen, nicht genug für die Fischer, um diesen einst wichtigen Wirtschaftszweig in Gaza aufrechtzuerhalten, und weniger als ein Drittel der einst im Oslo-Vertrag festgeschriebenen 20 Seemeilen.