Demonstranten vor dem Regierungssitz in Hongkong: Ihre Handys werden von Hackern angegriffen. © Carlos Barria/Reuters

Die Mobiltelefone der Demonstranten in Hongkong werden Experten zufolge gezielt mit einer Schadsoftware aus China angegriffen. Das Sicherheitsunternehmen Lacoon Mobile Security berichtete von einem Trojaner mit dem Namen "Xsser", der gegen Handys und Tablet-Computer mit dem Apple-Betriebssystem iOS gerichtet sei. Die Angreifer seien mit dem Programm in der Lage, Daten wie SMS, Fotos und Passwörter zu stehlen.

Das Programm stammt offenbar von den Urhebern einer ähnlichen Schadsoftware für das Betriebssystem Android, die vergangene Woche unter den Demokratieaktivisten in Hongkong die Runde machte. Verbreitet wurde der Trojaner laut Lacoon über eine App, die dem Anschein nach bei der Koordinierung der Proteste helfen sollte, in Wahrheit aber die Handys der Demonstranten angreifbar machte. Voraussetzung ist allerdings ein Jailbreak des Geräts. iOS-Geräte, deren Betriebssystem nicht vom Nutzer modifiziert wurden, sind nicht betroffen, weshalb sich dei Verbreitung der Überwachungs-App in Grenzen halten dürfte.

Lacoon-Chef Michael Shaulov sagte der Nachrichtenagentur Reuters, es handle sich um den bislang raffiniertesten Angriff dieser Art auf Apples Handy-Betriebssystem. Da im Programmcode Chinesisch zu finden sei, gehe man von Angreifern mit Sitz in China aus. Der Umstand, dass gezielt Demonstranten-Handys attackiert werden, lege nahe, dass die chinesische Regierung hinter dem Hackerangriff stecke.

Sektempfang für den Regierungschef

Die Proteste der Demokratiebefürworter überschatteten die Feiern zum chinesischen Nationalfeiertag. Tausende Demonstranten trotzen in der Nacht dem heftigen Regen in der chinesischen Sonderverwaltungsregion. Die Demonstrationen weiteten sich auf das populäre Einkaufsviertel Tsim Sha Tsui auf der Halbinsel Kowloon aus, das auch bei Touristen sehr beliebt ist.

Mit einem Schweigeprotest begleiteten Demonstranten am Morgen die offizielle Flaggenzeremonie zum Nationalfeiertag, während Regierungschef Leung Chun-ying bei einem Empfang mit Ehrengästen mit Sektgläsern anstieß. Studentenführer Joshua Wong und andere Demonstranten wandten dem Hissen der chinesischen und Hongkonger Flagge den Rücken zu und hielten die Hände über Kopf gekreuzt.  

Die Proteste in Hongkong sind die größten seit der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China im Jahr 1997. Sie richten sich gegen eine von Peking verwehrte Wahlreform in Hongkong. Zwar soll die Bevölkerung dort 2017 erstmals direkt einen Regierungschef wählen dürfen, doch will die Zentralregierung in Peking zuvor ihr genehme Kandidaten auswählen, um so ihren Einfluss zu sichern. 

Bei der Zeremonie zum Nationalfeiertag verteidigte Regierungschef Leung den Beschluss des Volkskongresses in Peking: "Allgemeine Wahlen abzuhalten ist besser als überhaupt keine allgemeinen Wahlen zu haben", sagte Leung. "Wohlstand und Stabilität in Hongkong in der Zukunft zu wahren, ist ein wichtiger Teil des 'Chinesischen Traumes'", sagte Leung unter Hinweis auf die Leitideologie von Staats- und Parteichefs Xi Jinping

Die chinesische Zensur unternahm große Anstrengungen, um die Verbreitung von Nachrichten aus Hongkong in der Volksrepublik zu unterbinden. Der Satellitenempfang des amerikanischen Senders CNN und der britischen BBC wurde gestört, wenn Berichte zu Hongkong gesendet wurden. Erstmals wurde am Mittwoch auch die Webseite der englischsprachigen Hongkonger Zeitung South China Morning Post geblockt. In Chinas sozialen Medien werden massenhaft Kommentare zu den Demonstrationen gelöscht. Twitter, Facebook und YouTube sind in China ohnehin immer gesperrt. 

Die Krise in Hongkong dürfte am Mittwoch auch bei einer Unterredung zwischen US-Außenminister John Kerry und seinem chinesischen Kollegen Wang Yi zur Sprache kommen. Das Gespräch sei bereits vor Beginn der Proteste vereinbart worden, doch werde über sie sicherlich auch gesprochen, sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Jen Psaki. Die Chefin der Hongkonger Demokratie-Partei, Emily Lau, forderte unterdessen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, die Proteste zu unterstützen. Auf ihr Wort höre Peking, sagte Lau laut einem Bericht der Bild. Dass die Zentralregierung militärisch eingreifen werde, um die Demonstrationen zu stoppen, glaubt sie nicht: "Das kann sich das Regime nicht leisten. Wenn Peking Panzer schickt, dann bricht Hongkong zusammen."