Samar Yazbek 2014 in Paris © JOEL SAGET/AFP/Getty Images)

Samar Yazbek ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie stammt aus einer alawitischen Familie, die Präsident Baschar al-Assad nahesteht. Doch im Jahr 2011 gab Yazbek ihr komfortables Leben in der syrischen Oberschicht auf und verschrieb sich vollkommen der beginnenden Revolution. Sie demonstrierte, schrieb, wurde verhaftet und immer wieder bedroht. Ihre Familie sagte sich von ihr los, da sie sich offen gegen das Assad-Regime wandte. Erst als auch das Leben ihrer Tochter in Gefahr war, verließ Yazbek Syrien. Ihr dramatisches Tagebuch ("Schrei nach Freiheit") aus den ersten Monaten des Aufstands ist 2012 auf Deutsch erschienen.

ZEIT ONLINE: Frau Yazbek, Sie haben Syrien bereits im Jahr 2011 verlassen, leben nun im Exil in Frankreich. Wie haben Sie den Vormarsch des "Islamischen Staats" (IS) miterlebt?

Samar Yazbek: In den letzten drei Jahren habe ich immer wieder den Norden Syriens besucht. Ich habe gesehen, welchen Preis die einfachen Leute in Syrien für diesen Krieg bezahlen. Und ich habe miterlebt, wie sich die Revolution verändert hat, wie die Ereignisse gekippt sind, als immer mehr ausländische Kämpfer nach Syrien einreisten, und sich der "Islamische Staat" in Syrien ausgebreitet hat.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich den rasanten Machtzuwachs des IS?

Yazbek: Um es auf den Punkt zu bringen: Der IS ist die Ausgeburt der Verbrechen, die das Assad-Regime in Syrien begangen hat, und die Folge des Schweigens, mit dem die ganze Welt diesen Verbrechen zugesehen hat. Die gemäßigten Fraktionen der Rebellen wurden marginalisiert und von Assad bekämpft, wovon der IS profitiert hat.

Eine Zeit lang schlossen sich viele junge Männer den Dschihadisten von der Nusra-Front an, weil die moderateren Rebellen wie die Freie Syrische Armee keine Waffen übrig hatten und wenig bis gar keine Unterstützung von außen erfuhren. Der IS hingegen kontrolliert nun Gebiete, in denen es Ölvorkommen gibt, er raubt, entführt Zivilisten, erpresst Lösegeld. Ich habe mit meinen eigenen Augen einen Stützpunkt des IS gesehen, wo es jede Menge Hummer-SUVs gab, neue Waffen, sehr viel Artillerie. Bis jetzt ist nicht klar, wer den IS genau unterstützt, aber er hat eine Menge Geld.

ZEIT ONLINE: Wie lebt es sich in Syrien in den vom IS kontrollierten Gebieten?

Yazbek: Der IS besteht größtenteils aus ausländischen Kämpfern, die nach Syrien gekommen sind, und diejenigen Gebiete besetzt haben, die eben erst durch die anderen Rebellentruppen befreit worden waren. Die Dschihadisten kamen mit einer neuen Ideologie, die sie den Menschen aufzwangen. Doch der IS ist nicht Teil der syrischen Gesellschaft oder Kultur. Die Syrer sind vom IS sogleich enttäuscht worden, denn die syrische Bevölkerung kann und will nicht so leben, wie der IS es ihr vorschreiben will. Die syrische Gesellschaft neigt nicht zum Extremismus, sie ist größtenteils friedlich und offen für andere.

ZEIT ONLINE: Immerhin hat Syrien drei Jahre des Bürgerkriegs, des Schlachtens durchlebt, was unweigerlich Spuren hinterlässt.

Yazbek: Das ist es, was mir Angst macht. Diese drei Jahre der Gewalt haben die Menschen brutalisiert, und der IS treibt das noch auf die Spitze: Er bildet Kinder zu Soldaten aus, verweigert Frauen und Mädchen Zugang zu Bildung, und die einzige Bildung, die die Dschihadisten zulassen, ist das Koranstudium. Wenn wir noch zehn Jahre warten, werden wir eine ganze Generation haben, die bloß die vom IS zugelassene Bildung kennt.