Nach der Schießerei in der kanadischen Hauptstadt Ottawa hat die Polizei die Absperrungen in der Innenstadt am Abend weitgehend aufgehoben. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass für die Bürger keine Gefahr bestehe, erklärte die Polizei am Mittwochabend (Ortszeit). Allerdings bleibe das Gebiet rund um das Parlament noch gesperrt. Der kanadische Premierminister Stephen Harper sprach nach den tödlichen Angriffen von einem Terroranschlag. Die jüngsten Attacken seien eine düstere Erinnerung, dass das Land gegen Terrorismus nicht immun sei.

Die Behörden suchen unterdessen weiter nach möglichen Hintermännern. Polizei und Justizbehörden hielten sich mit Angaben zu dem Verbrechen zurück. Auch zwölf Stunden nach dem Anschlag war noch unklar, ob es sich um einen Einzeltäter handelte oder ob er Komplizen hatte. Auch zur Frage, ob es einen islamistischen Hintergrund gebe, nahm die Polizei keine Stellung.

Mindestens zwei Menschen waren bei dem Anschlag getötet worden. Nach Angaben von Polizei und Augenzeugen hatte ein Maskierter zunächst einen Soldaten der Ehrenwache an Kanadas nationalem Kriegsdenkmal niedergeschossen. Dann war der Verdächtige zum nahe gelegenen Parlament gerannt, auch dort fielen Schüsse. Die Polizei bestätigte vier Stunden nach der Attacke, dass der Schütze tot sei. Berichte, nach denen auch an einem dritten Tatort – einem Einkaufszentrum – Schüsse fielen, dementierte die Polizei nach Angaben der New York Times wieder. Drei Menschen wurden im Krankenhaus behandelt, konnten dieses aber nach Angaben der Klinik kurz darauf wieder verlassen.

Mehrere kanadische und US-Medien berichteten später, dass es sich bei dem getöteten Angreifer um den 32-jährigen Michael Zehaf-Bibeau handeln soll, wie ein hochrangiger US-Regierungsvertreter dem kanadischen Fernsehsender CBS bestätigte. Die Nachrichtenagentur Reuters nannte unter Verweis auf informierte Quellen ebenfalls diesen Namen. Der kanadischen Zeitung The Globe and Mail zufolge hatten die Geheimdienste den Mann zuvor als "hochgefährlichen Reisenden" eingestuft. Demnach wurde ihm kürzlich der Pass entzogen. Wegen Raubes und Waffenbesitzes war der Mann zudem 2003 zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden, wie der kanadische Sender CTV berichtete. Die Motive der Tat blieben zunächst unklar.

In weiteren Medienberichten hieß es, der Attentäter stehe auf einer Liste von 90 Personen, die wegen einer möglichen Terrorgefahr beobachtet werden. Der TV-Sender CNN berichtete unter Berufung auf nicht genauer beschriebene Quellen, der mutmaßliche Attentäter sei kürzlich zum Islam übergetreten. Der kanadische Geheimdienst CSIS warnt seit Jahren davor, dass sich junge Menschen radikalisieren. Nach seinen Erkenntnissen haben sich mehr als 50 Kanadier dem IS oder anderen extremistischen Gruppen im Nahen Osten angeschlossen.  

Premierminister Stephen Harper hatte sich im Parlamentsgebäude aufgehalten, als die Schüsse fielen. Er sei umgehend in Sicherheit gebracht worden, hieß es später von einem Regierungssprecher. Das Parlament sowie der Regierungssitz wurden von der Polizei abgeriegelt. Auch die US-Botschaft schloss.

Premierminister Stephen Harper versprach ein entschlossenes Vorgehen gegen die Verantwortlichen der Attacke. Kanada werde sich von derlei Angriffen "niemals einschüchtern lassen", sagte Harper am Mittwochabend (Ortszeit) in einer Rede an die Nation, die im Fernsehen übertragen wurde. Die kanadische Regierung und die Sicherheitsdienste des Landes würden ihre Anstrengungen im Kampf gegen terroristische Gruppen "verdoppeln". Man werde gemeinsam mit seinen Verbündeten die Anstrengungen im Kampf gegen militante Extremisten erhöhen. Terroristen würden "keinen sicheren Hafen" in Kanada finden, so Harper. Die USA sicherten dem Nachbarn ihre Unterstützung zu. US-Präsident Barack Obama telefonierte nach Angaben des Präsidialamts mit Harper. 

Im Parlamentsgebäude befanden sich zu der Zeit, als die Schüsse gehört wurden, auch Abgeordnete. Der Parlamentarier Tony Clement twitterte, er befinde sich mit zwei Kollegen in Sicherheit, die Gefahr sei aber noch nicht vorüber. Er habe mindestens 30 Schüsse wahrgenommen. Im Laufe des Abends war das Parlament schließlich geräumt worden.

Das Denkmal für die Kriegstoten ist unmittelbar am Parlamentspark, nur durch eine Straße getrennt. Die Ehrenwache ist zwar bewaffnet, die Sturmgewehre sind aber gesichert und dienen rein repräsentativen Zwecken. Die Polizei forderte alle Passanten auf, sich vom Parlamentshügel fernzuhalten. Das Gebiet ist üblicherweise frei zugänglich, Tausende Touristen lassen sich jeden Tag mit den Wachen fotografieren.

Erst am Montag hatte ein mutmaßlicher Islamist in der kanadischen Provinz Quebec einen Soldaten getötet und einen weiteren schwer verletzt, bevor er von der Polizei erschossen wurde.