Man sollte es nicht glauben, aber die gute Nachricht des Wochenendes kam – aus Nordkorea. Das Einsiedler-Regime in Pjöngjang sendet plötzlich Entspannungssignale aus, und niemand war darauf vorbereitet, am wenigsten die Regierung in Südkorea.

Gewissermaßen aus heiterem Himmel reiste am Samstagmorgen eine hoch- bis höchstrangige Delegation aus dem Norden zur Abschlussfeier der Asienspiele in der südkoreanischen Hafenstadt Incheon an. Die Regierung in Seoul war nur Stunden zuvor informiert worden, konnte aber in Windeseile den Premier, den Vereinigungsminister und den Nationalen Sicherheitsberater von Präsidentin Park für Gespräche mobilisieren.

Immerhin waren aus Pjöngjang die Nummer zwei und die Nummer drei gekommen, so viel Prominenz aus dem Norden hatte Südkorea seit fünf Jahren nicht gesehen. Dazwischen lagen nordkoreanische Granatenangriffe, Raketentests, Atomversuche und Kriegsdrohungen.

Und jetzt schwebt plötzlich Marschall Hwang Pyong-so ein, Vize-Vorsitzender der Zentralen Militärkommission und damit in der strengen Hierarchie des Nordens Zweiter hinter dem höchsten Führer und Jungdiktator Kim Jong-un.

Was Beobachter elektrisierte: Der Marschall reiste in der Präsidentenmaschine, die sonst allein der Nummer eins vorbehalten ist. Und er wurde von einer Phalanx hochgewachsener Leibwächter begleitet, die üblicherweise allein Kim schützen.

Seither wird spekuliert: Ist die Nummer zwei die neue Nummer eins? "Da sind gewisse Dinge im Gange", sagt ein in ostasiatischen Angelegenheiten sehr erfahrener Diplomat. "Die ganzen Umstände sind ungewöhnlich."

Seit dem 3. September ist Kim Jong-un nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Die jüngsten Fernsehbilder zeigten ihn humpelnd. Kim sei "unpässlich", erklärten die offiziellen Medien seine Abwesenheit.

Wenn aber der wahre Grund seines Unwohlseins darin liegt, das ihm das Militär die Macht entzogen hat? Hatte Kim, als er nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-il im Winter 2011 mit Ende Zwanzig die Macht übernahm, nicht ohnehin ein Autoritätsproblem bei der hohen Generalität?

Bisher konnte sich Kim behaupten, auch weil er gnadenlose Brutalität nicht scheute. Er räumte in den hohen Rängen der Armee auf, holte Offiziere seines Vertrauens in Schlüsselpositionen. Als ihm sein eigener Onkel Chang Song-taek zu mächtig und zu eigenwillig wurde, ließ er ihn aus einer Sitzung des Politbüros abführen und nach kurzem Prozess exekutieren.

Chang stand für eine Öffnung des Landes und vor allem für enge Beziehungen zu China. Sein Tod brachte die Führung in Peking gegen Kim Jong-un auf. Bis heute hat sich der chinesische Präsident Xi Jinping geweigert, Kim zu treffen. China ging auf Distanz zu dem unberechenbaren Regime in Pjöngjang und schloss sich erst mal den von den Vereinten Nationen beschlossenen Sanktionen gegen den Norden an.

Diese Abwendung Chinas trifft Nordkoreas Wirtschaft empfindlich. Gut möglich, dass hier die eigentliche Erklärung für die Entspannungstour nach Incheon liegt. Das zumindest glaubt Professor Moon Chung-in, Politikwissenschaftler an der Yonsei Universität in Seoul. Moon war ein enger Berater des früheren südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung und ist stets für eine Entspannungspolitik zwischen Nord und Süd eingetreten. Moon ist der Ansicht, Kim Jong-un habe die Reise der Spitzenkader nach Incheon abgesegnet: "Ich glaube, der Besuch ist ein positives Signal für die innerkoreanischen Beziehungen", sagt Moon.

Zu wünschen wäre es. Die Erfahrungen mit Nordkorea geben jedoch allen Anlass zur Skepsis. Seit Jahrzehnten wiederholt sich stets das gleiche Muster: Auf Gesten der Entspannung folgen wüste Drohungen, militärische Provokationen machen jede Hoffnung auf Verhandlungen schnell wieder zunichte. Erst am Dienstag kam es wieder zu einem kurzen Seegefecht an der Grenze zwischen Nord und Süd.

Also heißt es abwarten. Taucht der unpässliche Jungdiktator wieder auf? Reist Marschall Hwang weiter in der Präsidentenmaschine? Bei der Eröffnung der Obersten Volksversammlung, dem Scheinparlament in Pjöngjang, am 25. September blieb der Stuhl Kim Jong-uns leer. Am nächsten Tag saß dort Marschall Hwang.

Nicht nur in Diplomatenkreisen wird gefragt: "Was ist da los?"