Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğanhat davor gewarnt, dass die umkämpfte syrische Stadt Kobani nahe der Grenze zur Türkei schon bald von der Terrormiliz "Islamischer Staat" erobert sein könnte. Er bekräftigte seine Forderung nach einer Bodenoffensive zur Bekämpfung der Extremisten in Syrien. "Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören", sagte Erdoğanbeim Besuch in einem Flüchtlingslager im südtürkischen Gaziantep. Notwendig sei eine Kooperation von Truppen am Boden. Die Extremisten rückten am Dienstag immer weiter auf die Kurdenstadt vor.

Bereits bei einer Parlamentssitzung Anfang Oktober hatte der Präsident betont, dass Luftangriffe nur eine vorübergehende Lösung darstellten. Das türkische Parlament hatte einem Militäreinsatz gegen die Extremisten in Syrien zugestimmt. Bisher wurden zwar Truppen an der Grenze zusammengezogen, die Türkei ist aber nicht ins Nachbarland eingerückt.

Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu erklärte derweil, die Türkei sei "zu allem" im Kampf gegen die IS-Extremisten in Syrien bereit, stelle aber Bedingungen. Notwendig sei eine abgestimmte Strategie, nicht nur gegen die Dschihadisten, sondern auch gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad, sagte er dem US-Nachrichtensender CNN. Ankara werde nur Truppen entsenden, wenn "andere ihren Anteil leisten". Auch nach einem möglichen Sieg über den IS müsse die Grenze zur Türkei sicher sein, so Davutoğlu. Vorschläge, die Türkei sollte im aktuellen Konflikt mit den IS-Extremisten mit der Assad-Regierung zusammenarbeiten, nannte er "schockierend". "Mit einem Teufel gegen einen anderen zusammenzuarbeiten, sollte nicht der Weg der internationalen Gemeinschaft sein", sagte Davutoğlu.

Extremisten rücken auf Stadtzentrum von Kobani vor

Ungeachtet internationaler Luftangriffe und heftiger Gegenwehr kurdischer Kämpfer ist die Dschihadistengruppe tiefer in die nordsyrische Kurdenstadt vorgedrungen. Die Milizen brachten trotz heftiger Gegenwehr Teile der strategisch wichtigen Stadt in Nord-Syrien unter ihre Kontrolle. Die Extremisten hätten in der Nacht mehrere Gebäude im südwestlichen Stadtrand eingenommen, berichtete die der Opposition nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Am Montag waren die Dschihadisten erstmals nach Kobani vorgedrungen und hatten in Stadtvierteln im Osten ihre schwarze Flagge gehisst.

Bei den seit Mitte September andauernden Gefechten sind nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten bereits mehr als 400 Menschen getötet worden. Bei den meisten der insgesamt 412 Opfer handele es sich um Kämpfer beider Seiten, teilte die Beobachtungsstelle mit. Vermutlich liege die Zahl der Toten noch viel höher, inmitten der Kämpfe sei es jedoch schwierig, Todesfälle zu dokumentieren.

Die IS-Dschihadisten hatten vor drei Wochen ihren Vormarsch auf Kobani gestartet und dabei zahlreiche Dörfer in der Umgebung erobert. Sollte es ihnen gelingen, die auf Arabisch Ain al-Arab genannte Kurdenstadt einzunehmen, würden die Dschihadisten auf syrischer Seite ein langes Stück der Grenze zur Türkei kontrollieren.

Aufgrund der sich ständig ändernden Lage ist eine exakte Aufzeichnung der verschiedenen Positionen nicht möglich. © ZEIT ONLINE