Nach den russischen Regionalwahlen Mitte September, bei denen es zwar laut Ergebnis eine klare Mehrheit für den Kreml-Kurs, aber eine niedrige Wahlbeteiligung gegeben hat, hat die Staatsmacht den Druck auf die Krimtataren erhöht. Wieder hatte der Medschlis das Volk aufgerufen, die Wahl zu boykottieren. Einen Tag später stürmten maskierte Männer das Medschlis-Hauptquartier, gefolgt vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Fast zwölf Stunden lang durchsuchten sie das Gebäude und beschlagnahmten Computer und Dokumente.

Mittlerweile rechnen die Krimtataren mit dem Schlimmsten. Zumal der Krim-Premierminister Sergei Aksjonow gegenüber der russischen Zeitung Kommersant vor Kurzem davon sprach, dass der Medschlis gar nicht existiere, da er nicht als Organisation registriert sei. Es folgte eine klare Warnung: All jene, die die russische Herrschaft auf der Krim nicht akzeptierten und stattdessen ethnischen Hass schürten, so Aksjonow, die werde er von der Krim vertreiben und hart bestrafen.

Es sind nicht alle Krimtataren gegen eine russische Krim. In einem Vorort der Krim-Hauptstadt Simferopol wohnt der 62 Jahre alte Seytumer Nimetulajew mit seiner Familie. Ein hoher Zaun und ein kleines Häuschen voller bewaffneter Sicherheitsleute schützen sein Anwesen. Bis vor Kurzem lebte er im Süden der Ukraine, war dort Inhaber eines großen Landwirtschaftsbetriebs und einflussreicher Regionalpolitiker für die Partei des durch die Maidanproteste gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch. Kurz nach der Flucht Janukowitschs wurde Nimetulajew vom Übergangspräsidenten entlassen. Er kehrte auf die Krim zurück, in seine Heimat.

Gäste empfängt die Familie, die es in der Agrarbranche zu Reichtum gebracht hat, in einer Art Wintergarten mit einem fast 20 Meter langen Schwimmbad. Seytumer Nimetulajew, sein Sohn und einige befreundete Geschäftsleute haben gerade eine neue Organisation gegründet, die sie als Gegenpol zum Medschlis verstehen. "Birligi Krim" heißt die (Einheit der Krim), und sie soll alle nationalen Minderheiten auf der Krim vereinen. Seit Wochen fahren sie über die Halbinsel, halten Treffen ab und treten im Fernsehen auf, erzählt Nimetulajew. Sein Ziel: die Krimtataren zu überzeugen, dass die russische Herrschaft gut für sie sei und dass es Zeit sei sich vom Medschlis abzuwenden. 8.000 Menschen hätten schon ihren Willen bekundet, Birligi beizutreten.

"Putin hat uns als Opfer Stalins rehabilitiert"

In den vergangenen Monaten konnte man im russischen Staatsfernsehen Nimetulajew bei Treffen mit Wladimir Putin sehen, wenn auch nur als einer von vielen. "Wladimir Putin hat uns bereits als Opfer von Stalin rehabilitiert und unsere Sprache neben Russisch und Ukrainisch zu einer der offiziellen Sprachen auf der Krim gemacht", sagt er. Die Ukraine habe daran nie gedacht. Dank Russland könnten Krimtataren nun Kompensationen für durch die Deportation verlorenes Land beantragen, sagt er. Seine persönlichen Ambitionen versteckt Nimetulajew nicht: Er will in die Regionalregierung auf der Krim, und zwar für die Putin-Partei "Einiges Russland". "Die Menschen haben den Medschlis satt. Sie wollen leben und arbeiten, ihre Zukunft planen."

Für Medschlis-Mitglied Ilmi Umerow sind all das Versuche des Kremls, die Krimtataren zu ködern und zu spalten. Er ist sicher, dass 90 Prozent der Krimtataren nach wie vor hinter dem Medschlis stehen. Ministerpräsident Aksjonow sagte im Kommersant-Interview, dass er davon ausgehe, dass höchstens 15 bis 20 Prozent der Krimtataren den Medschlis noch unterstützen. Überprüfbar ist keine der beiden Aussagen.

Fest steht: Viele Krimtataren haben russische Pässe angenommen, weil sie keine Wahl hatten – denn das ist auf der russischen Krim die Voraussetzung, um Besitz zu registrieren oder legal arbeiten zu können.

"Wir werden nicht aufgeben", sagt Umerow. Aber er klingt ratlos, fast resigniert. Keiner hier weiß so recht, wie es weitergehen soll für sie auf der Krim oder wie lange sie überhaupt noch bleiben dürfen. Einen Grund, anzunehmen, dass die Lage auf der Halbinsel für sie besser wird, haben die Tataren nicht. Fest stehe nur eines, sagt Umerow: "Wir werden nicht zu den Waffen greifen."