Seit einer Woche fliegen vor allem in den kurdischen Städten der Türkei wieder Steine und Gaskartuschen durch die Straßen. Kurdische Demonstranten protestieren gegen die diffuse Haltung der Türkei im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS). Während der Proteste und Ausschreitungen sind bereits 37 Menschen ums Leben gekommen, darunter Polizisten und Jugendliche. In Istanbul etwa griffen IS-Sympathisanten Studenten mit Stöcken an, die einen Infostand gegen die Terrororganisation organisiert hatten. Wenige Wochen zuvor hatten sich IS-Anhänger zu einem friedlichen Gebet in einem Istanbuler Park versammelt – unbehelligt von der Polizei. Dagegen setzt die Polizei gegen kurdische Demonstranten Wasserwerfer und Tränengas ein.

Anhänger des IS attackieren kurdische Unterstützer, aber neben PKK-Anhängern und der Polizei sind auch türkische Nationalisten und die islamistische sogenannte kurdische Hisbollah an den Protesten und Ausschreitungen beteiligt. Die meisten Menschen starben bei diesen innerkurdischen Konflikten – Straßengefechten zwischen PKK- und Hisbollah-Anhängern. Um die Konflikte zu verstehen, folgt deshalb ein Überblick über die Akteure und ihre Positionen innerhalb der türkischen Gesellschaft. 

Die türkische Regierung

Die konservative AKP verfügt über die absolute Mehrheit im Parlament. Ihr gehören Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und Premierminister Ahmet Davutoğlu an. Auf der einen Seite unterstützt die Regierung die internationale Koalition gegen die Terrorgruppe IS. So stimmte das Parlament für ein Mandat, das den Einsatz von Bodentruppen im Irak und Syrien legitimiert. Präsident Erdoğan betont zudem, er bekämpfe die IS-Terroristen gleichermaßen wie Anhänger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Außerdem gilt der Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad als Erdoğans oberstes Ziel.

Als Reaktion auf die gewalttätigen Ausschreitungen im Südosten des Landes will Erdoğan am Dienstag im Parlament einen Gesetzesentwurf einbringen, "um die Straßen schnell von diesen Vandalen zu säubern". Er wirft den überwiegend kurdischen Demonstranten vor, die innere Sicherheit der Türkei zu gefährden. Für die Proteste macht er laut der regierungsnahen Zeitung Huerriyet Daily News wahlweise  "eine internationale Mediengruppe", Syrien und die Opposition verantwortlich. In einer Rede fragte er: "Was hat Kobani denn mit der Türkei zu tun?"

Militär und die Polizei

Die türkischen Streitkräfte gelten als eine der stärksten Armeen innerhalb der Nato. Sie unterstützen die Polizei dabei, gegen die kurdischen Demonstranten vorzugehen. Im Südosten des Landes, also in den kurdischen Regionen, kämpfte das türkische Militär bis zur Waffenruhe im Jahr 2013 gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK. An der Grenze zu Syrien halten sie zudem PKK-nahe Kurden davon ab, sich am Kampf gegen den IS in der Stadt Kobani zu beteiligen.

Kurdische Aktivisten werfen den Sicherheitskräften vor, mit IS-Terroristen zu sympathisieren. In den sozialen Netzwerken kursieren Fotos von Polizisten, die den Zeigefinger in die Luft recken, ein Symbol der IS-Terroristen. 

Hüda Par/Kurdische Hisbollah

Die kurdische Hisbollah hat nichts mit der Hisbollah im Libanon zu tun. In den 1980er Jahren gründete sie sich im Südosten der Türkei. Die Anhänger dieser Terrororganisation gelten als radikal-sunnitisch. In den 1990er Jahren wurde die Vorläuferorganisation der Hisbollah vom türkischen Militär gegen die PKK eingesetzt, später aber zerschlagen.

Die gerade einmal zwei Jahre alte Partei Hür Dava Partisi (Abkürzung Hüda Par, dt: "Partei der Freien Sache") ist der politische Arm der Organisation. Hüda Par bedeutet auf Kurdisch Partei Allahs, ist also eine wörtliche Übersetzung des arabischen Begriffs hizbullah.

Ziel der Hisbollah ist die Errichtung eines sunnitischen Gottesstaates mit einem Rechtssystem nach der Scharia. Ihre Partei tritt nach eigenen Angaben für die Rechte der Kurden ein, die sich von der sozialistischen PKK nicht präsentiert fühlen. Im Kampf gegen die PKK kooperieren sie mit türkischen Sicherheitsbehörden. Die kurdische Hisbollah spricht sich für den bewaffneten Dschihad aus. Ideologisch orientiert sie sich an den Muslimbrüdern.