Die Angst der Polen, sie könnten das nächste mögliche Ziel russischer Aggression sein, lässt nicht nach. Immer noch glauben 80 Prozent der Bürger, die russische Armee sei eine ernste Gefahr für die Sicherheit des Landes. Daran können auch die Beteuerungen des neuen Nato-Generalsekretärs Jens Stoltenberg nichts ändern, der am Montag auf seiner ersten Auslandsreise in Warschau war.

Dabei bemühte sich der Norweger, die polnischen Zweifel an der Verteidigungsbereitschaft der Nato zu zerstreuen. "Wir werden eine dauerhafte Präsenz im östlichem Teil unserer Allianz behalten", sagte Stoltenberg und versprach auch eine "starke Solidarität der Nato in diesen unruhigen Zeiten".

Die polnische Regierung bemüht sich seit Monaten darum, die Nato zu überzeugen, "zwei schwere Brigaden" in den Osten Polens zu schicken. Sie sollen als Abschreckung dienen, falls die Russen doch noch die ganze Ukraine besetzen und weiter nach Westen marschieren. Denn Wladimir Putins Vorgehen in der Ukraine erinnert die Polen fatal an die Weise, wie die Sowjetunion einst Länder eroberte. Politiker und Experten sprechen bereits über eine "Post-Kalter-Krieg-Ära" und über die Ohnmacht des Westens. Aus Sicht Polens ist es schließlich erst 25 Jahre her, dass sich das Land aus der russischen Herrschaft befreien konnte, die fast ein halbes Jahrhundert gedauert hatte.

Nato plant schnelle Eingreiftruppe

Die Nato hat die polnischen Begehrlichkeiten nach schweren Brigaden bislang allerdings zurückgewiesen. Bei einem Treffen in Wales haben sich die Bündnisstaaten darauf geeinigt, eine schnelle Eingreiftruppe in Stettin zu stationieren. In der Stadt ist bereits das multinationale Korps Nord-Ost der Nato beheimatet. Diese neue Eingreiftruppe soll in wenigen Tagen oder sogar Stunden imstande sein, auf potenzielle Angriffe zu reagieren.

Diese Pläne haben die polnische Regierung etwas beruhigt. Man hoffe, dass die Ergebnisse aus Wales auch in Kraft treten, sagte der polnische Verteidigungsminister Tomasz Siemioniak. Dass der neue Nato-Generalsekretär Stoltenberg Polen für seine erste offizielle Reise gewählt hat, wurde von Außenminister Grzegorz Schetyna zudem als "ein symbolisches und wichtiges Zeichen" gewertet.

Was wäre, wenn?

Polnische Experten und Kommentatoren sind deutlich skeptischer, was die Verlässlichkeit des Bündnisses betrifft. Marcin Zaborowski etwa, Direktor des polnischen Instituts für Internationale Angelegenheiten, fragt sich, inwieweit die Nato wirklich bereit ist, im Fall der Fälle ihre Verbündeten militärisch zu schützen. "Hätten wir mit einer regulären russischen Invasion auf die baltischen Länder zu tun gehabt, steht für mich außer Frage, dass die Nato laut Artikel 5 eingreifen würde. Was würde aber passieren, wenn die Einwohner zum Beispiel im estnischen Narva, wo 80 Prozent der Bevölkerung Russisch sprechen, das Rathaus besetzen würden, weil sie sich angeblich diskriminiert fühlen?", sagte er. "Und was, wenn gleichzeitig dort Waffen auftauchen würden und Soldaten ohne Abzeichen? Da bin ich mir gar nicht so sicher."

Zaborowski zufolge habe die Nato anscheinend keinen Plan, wie sie im Fall einer Situation ähnlich der auf der Krim reagieren sollte. Dort waren die sogenannten grünen Männchen, Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, aufgetaucht, die sich am Ende als russische Soldaten erwiesen. Auch die Wochenzeitung Polityka fragt sich, ob es einen Plan des Bündnisses gibt. "Es ist klar, dass konkrete militärische Details der Öffentlichkeit nicht genau bekannt sein sollten, aber es wäre nicht schlecht, irgendeinen einfachen Plan zu kennen, den man auch verstehen kann", schreibt der Kommentator Marek Ostrowski dort. Der Besuch von Stoltenberg sei zwar wichtig, aber vor allem als symbolisch zu verstehen.

Die polnischen Sorgen über die militärische Verlässlichkeit der Nato haben sich verstärkt, seit der marode Zustand der deutschen Bundeswehr bekannt geworden ist. Die liberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza kritisiert deswegen die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die sich "nur als Bauherr der Krippen und Bundeswehr-Kitas gezeigt hat" und sich in Wirklichkeit nie um die Lage der Bundeswehr und deren Ausrüstung gekümmert habe.