Die düstere Erwartung, was bei den Wahlen zum US-Kongress herauskommen wird, ist schnell auf den Punkt gebracht: Die Demokraten verlieren auch noch in der zweiten Kammer, dem Senat, die Mehrheit an die Republikaner; Präsident Barack Obama kann seine Agenda für die verbleibenden zwei Jahre seiner Amtszeit im Grunde vergessen; der politische Stillstand in Washington ist zementiert. Eigentlich ist sogar alles noch schlimmer – egal wie die Abstimmungen der Midterms, dem Wahltermin zwischen zwei Präsidentschaftswahlen, ausgehen.

1) Da wollen sie alle rein

Beide Kammern des US-Kongresses werden nach den Wahlen am kommenden Dienstag anders aussehen: Die 435 Sitze des Repräsentantenhauses werden komplett neu vergeben – so wie alle zwei Jahre; dazu kommen 36 der 100 Senatssitze. Dort wird alle zwei Jahre über rund ein Drittel der Mitglieder entschieden, die dann für sechs Jahre im Amt sind. Jeder US-Bundesstaat wird immer durch zwei Senatoren vertreten; die Zahl der Repräsentanten hingegen hängt von der Anzahl der Wahldistrikte ab, deren Grenzen nach Bevölkerungszahl gezogen werden.

Es gilt das relative Mehrheitswahlrecht: Wer die meisten Stimmen bekommt, gewinnt den Sitz, alle anderen Stimmen sind für die Tonne. Das ist ein Grund dafür, dass sich in den USA nur die Republikaner und Demokraten dauerhaft als Parteien etablieren konnten. Eine kleine Ausnahme, die dazu führen könnte, dass nach der Abstimmung am Dienstag noch kein endgültiges Ergebnis feststeht: In Louisiana und Georgia muss der Gewinner mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, andernfalls wird eine Stichwahl angesetzt.

2) Die Republikaner werden jubeln, vielleicht

Im Repräsentantenhaus, der größeren der beiden Kammern, sind Obamas Demokraten derzeit in der Minderheit: Sie haben 199 Abgeordnete, die Republikaner 233. (Drei Sitze sind derzeit unbesetzt). Dass die Demokraten die Mehrheit zurückerobern, ist sehr unwahrscheinlich. Viel eher werden sie weitere Sitze an die Republikaner verlieren.

Spannend wird das Rennen um die Mehrheit im Senat. Dort sind die Demokraten aktuell mit 53 Vertretern in der Überzahl, die Republikaner stellen 45 Senatoren, hinzukommen zwei parteilose Politiker, die aber oft mit den Demokraten stimmen. Damit müssten die Republikaner mindestens sechs zusätzliche Sitze gewinnen, um die Mehrheit im Senat zu bekommen. Das halten die meisten Experten und Prognosen nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich. Aber es könnte knapp werden, bis hin zu einem Patt von jeweils 50 Sitzen. Der demokratische Vizepräsident Joe Biden hätte in diesem Fall das letzte Wort bei Abstimmungen im Senat.

3) Obama kriegt noch mehr graue Haare

Schon jetzt können die Republikaner mit ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus so ziemlich jede Gesetzesinitiative der Demokraten blockieren – seit 2011 haben sie das ein ums andere Mal getan. An strengere Waffengesetze oder eine umfassende Einwanderungsreform ist vorerst nicht zu denken. Übernehmen die Republikaner auch noch die Mehrheit im Senat, hätte es Barack Obama in den letzten zwei Jahren seiner Präsidentschaft noch einmal schwerer, seine demokratische Agenda umzusetzen. Er könnte definitiv nur noch agieren, wenn er für seine Vorhaben jeweils über die Parteigrenzen hinweg Unterstützung organisieren kann.

Das ist nicht unmöglich, wird aber viel politisches Kapital kosten und nur bei einigen Themen erfolgreich sein. Die Republikaner jedenfalls haben bereits durchblicken lassen, dass sie sich dem Präsidenten noch mehr in den Weg stellen wollen. Wo immer es geht, wird Obama also gezwungen sein, per Verordnung zu regieren und das Parlament zu umgehen. Es wird ein endloses Gezerre, bei dem jeder vor Frust graue Haare bekäme.

Gleichzeitig können die Republikaner mit einer Mehrheit in beiden Kammern eigene Vorhaben bequem durch das Parlament bringen. Unter dem Druck ihrer extrem konservativen Basis dürften dabei Gesetze herauskommen, die Obama kaum unterschreiben kann. Ihm steht ein Vetorecht zu, das er sicher nutzen wird, doch dann steht er plötzlich als Hauptverantwortlicher der Blockade da. Potenziell haben die Republikaner in dieser Lage außerdem die Macht, weit über die kommenden zwei Jahre hinaus der amerikanischen Politik ihren Stempel aufzudrücken – etwa wenn es um die Nominierung von Richtern geht, insbesondere am Verfassungsgericht.

4) Vom Präsidenten enttäuscht, von den anderen auch

Den Demokraten sechs Sitze im Senat abzunehmen, ist für die Republikaner aus mehreren Gründen leichter als es zunächst scheint. Zunächst haben die Amerikaner die Midterms bis auf ganz wenige Ausnahmen immer dazu genutzt, um der Partei des amtierenden Präsidenten einen Denkzettel zu verpassen. Dieser Effekt dürfte angesichts der schlechten Zustimmungsraten, die Obamas Politik derzeit genießt, diesmal sogar besonders deutlich ausfallen.

Allerdings sind die Wähler nicht nur mit ihrem Präsidenten unzufrieden – die Arbeit des Kongresses löst noch weit mehr Frust aus. Die Aussicht, dass sie mit ihrer Stimme wenig an der Blockade in Washington ändern können, wird das Interesse an den Kongresswahlen noch weiter schmälern. Ohnehin ist die Wahlbeteiligung bei den Midterms in der Regel um 15 bis 20 Prozentpunkte niedriger als bei den Präsidentschaftswahlen. Auch das spielt den Republikanern in die Hände, denn zu den fleißigsten Wählern gehört ihre Klientel vornehmlich weißer und älterer Amerikaner. Minderheitengruppen wie Schwarze und Latinos und auch junge Wähler oder Geringverdienende, die vor allem für die Demokraten ausschlaggebend sein können, sind regelmäßig schwerer zu motivieren.

Gute Chancen, den Demokraten Sitze abzunehmen, haben die Republikaner zum Beispiel in Arkansas, Alaska, Georgia, Louisiana und North Carolina – die Rennen um den Senat sind dort sehr eng. Spannend sind diese Staaten auch, weil dort traditionell die Republikaner stark sind, die Demokraten aber derzeit Senatoren stellen. Es ist wichtig, sich zu erinnern: Die demokratischen Senatoren, deren Amtszeit nun endet, sind zuletzt am selben Wahltag nach Washington geschickt worden, an dem Obama zum ersten Mal Präsident wurde. Sie haben von seiner damaligen Popularität und den großen Hoffnungen in seine Präsidentschaft profitiert – und werden nun die Enttäuschung, die Obama erfährt, ebenso dramatisch spüren. Kein Wunder also, wenn sie im Wahlkampf auf Distanz gehen.

5) Bewährte Ideologien und ausnahmsweise Außenpolitik

"Langweilig", urteilen die Beobachter von New York Times bis Washington Post über den Wahlkampf. Natürlich geht es in einigen Staaten hart zur Sache, gerade in den besonders engen Rennen, in anderen wird man deutlich weniger mit Werbung und Auftritten der Kandidaten belästigt. Aber das ist bei der Präsidentenwahl nicht anders und eine Binsenweisheit: Der Wahlkampf tobt dort, wo es um etwas geht – auch eine Auswirkung des relativen Mehrheitswahlrechts.

Allerdings wissen die Wähler auch in den umkämpften Staaten, dass sie mit ihrer Stimme an der grundsätzlichen Blockade der Politik in Washington nicht viel ändern werden. Deshalb spiegeln die Themen des Wahlkampfs auch sehr deutlich die ideologischen Linien der Parteien wider, ob es nun um Waffenbesitz geht, die Lage der Wirtschaft, ganz generell die Aufgaben des Staates oder um Einwanderung. Am Ende ordnet sich alles nach bewährtem Muster: Die Republikaner werden als frauenfeindliche, sozial kaltherzige, religiös verbohrte, waffengeile, rechte Spinner attackiert (das ist nicht immer alles in einer Person vereint und auch keine vollständige Aufzählung), die Demokraten wiederum müssen sich fast überall gegen Angriffe wehren, die eigentlich Obama gelten.

Die Wahl wird so zum Referendum über die Politik des Präsidenten, doch selbst das ist bei den Midterms eher die Regel als eine Ausnahme. Damit ist es auch nur auf den ersten Blick überraschend, dass die amerikanische Außenpolitik eine viel größere Rolle spielt als es für gewöhnlich der Fall ist. Obamas Strategie gegen den "Islamischen Staat" im Irak und Syrien beispielsweise ist die perfekte Folie für die Angriffe der Republikaner: Der Präsident agiere zu schwach angesichts der Bedrohung durch den islamistischen Terror und gefährde die nationale Sicherheit. Und fast 80 Prozent der Wähler sagen gleichzeitig: Ja, dieses Thema ist uns sehr wichtig.

6) Noch mehr Kreuze machen, für Marihuana zum Beispiel

Parallel zu den Kongresswahlen wird in vielen Staaten das Amt des Gouverneurs nach vier Jahren neu besetzt. Und in ebendiesen 36 Staaten stehen dann auch andere Ämter auf den Stimmzetteln, etwa Generalstaatsanwälte oder Richter, dazu Parlamentsabgeordnete, insgesamt sind Tausende Funktionsträger zu bestimmen. Jede Wahl in den USA ist außerdem die Gelegenheit für Bürgerentscheide, wenn diese zuvor genügend Unterschriften erhalten haben. Interessant sind am Dienstag etwa Initiativen zur Anhebung des Mindestlohns, zur Legalisierung von Marihuana, zum Waffenbesitz oder solche, die gesetzlich festschreiben wollen, dass Leben vor der Geburt beginnt, und damit Auswirkungen auf das Abtreibungsrecht haben.