Der Blick auf die Energiemärkte lässt die Herzen aller Verschwörungstheoretiker höherschlagen. Da reiht sich Krise an Krise: Ukraine, Gaza, Nordirak, Syrien – doch der Ölpreis steigt nicht etwa, wie man das kennt; im Gegenteil, er fällt und fällt. Lag der Preis eines Barrels (159 Liter) im Juni noch bei 119 Dollar, so werden jetzt gerade mal 83 Dollar bezahlt. Was geschieht da?

Nikolaj Patruschew, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates in Moskau, zieht – ohne es direkt zu sagen – eine Parallele zu den achtziger Jahren. Damals hätten die USA einen Preisverfall herbeigeführt, um die auf Öl- und Gasexporte angewiesene Sowjetunion in den Bankrott zu treiben. "Man muss zugestehen", zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus einem Interview, das Patruschew der Rossijskaja Gazeta gegeben hat, "dass es den Amerikanern damals gelungen ist, ihre Ziele zu erreichen."

Passiert heute ähnliches? Das glaubt zumindest, ebenfalls laut FAZ, das Russische Institut für Strategische Studien (RISS) und spekuliert über eine Verabredung zwischen Amerika und Saudi-Arabien, den Ölpreis durch Überproduktion zu senken. Es gebe einen "faktisch gegen uns erklärten Wirtschaftskrieg", schreibt das Institut.

An eine großangelegte geopolitische Absprache zwischen Amerikanern und Saudis glaubt auch der venezolanische Außenminister Rafael Ramirez. Er sieht "eine Preismanipulation, um den großen ölproduzierenden Ländern wirtschaftliche Probleme zu bereiten". Zu denen aber gehören natürlich auch Saudi-Arabien und die USA selbst. Wollen die sich wirklich bewusst selbst schaden, in der Annahme, andere seien schwächer als sie?

Eine andere Verschwörungstheorie geht so. Der Preiskrieg gehe allein von Saudi-Arabien aus. Hauptopfer sei der Iran. Der schiitische Erzfeind der sunnitischen Saudis greife nach der Atombombe und strebe die regionale Hegemonie im Mittleren Osten an.
Tatsächlich leidet Teheran bereits unter den westlichen Sanktionen, die es zur Aufgabe des Atomprogramms zwingen sollen. Wollen die Saudis den Druck noch einmal erhöhen?

Möglich. Aber nun kommt eine dritte Verschwörungstheorie ins Spiel. Die Saudis, die im September trotz sinkender Preise die Ölförderung noch einmal erhöht haben, zielten in Wahrheit nicht auf den Iran, sondern auf Amerika.

Die USA, geht diese Argumentation, hätten mit ihrem durch Fracking geförderten Schieferöl den Weltmarkt in den vergangenen Jahren vollkommen durcheinander gebracht. Dank ihrer unablässig steigenden Produktion hätten sie sich inzwischen nicht nur nahezu unabhängig von Ölimporten gemacht; sie unterminierten auch die bisherige Marktmacht der Saudis, die beim Ölpreis traditionell den Takt vorgaben.