ZEIT ONLINE: Herr Außenminister, es gibt einen Waffenstillstand für Donezk und Luhansk, das EU-Assoziationsabkommen ist ratifiziert, am 26. Oktober wird ein neues Parlament gewählt. Alles gut in der Ukraine?

Pawlo Klimkin: Wir müssen optimistisch sein, eine andere Wahl haben wir in der Ukraine nicht. Für den Waffenstillstand tun wir viel, aber er ist nicht nachhaltig. Jeden Tag wird er gebrochen, Menschen sterben. Vor allem, dass wir die Grenze zu Russland nicht kontrollieren, ist ein Hindernis. Es steht auch aus, dass russische Truppen und schwere Waffen vollständig aus der Ukraine abgezogen werden.

In Minsk wurde festgelegt, dass alle Geiseln ausgetauscht werden sollen. Das findet zwar zum Teil statt, ist in der Praxis aber sehr schwierig. Damit alle Gefangenen freikommen, braucht es politischen Willen und Mut. Manchmal funktioniert es nur mit Lösegeld. Und wenn alle frei sind, wird sich herausstellen, dass nicht nur Militärs gefangen waren, sondern auch Geschäftsleute oder Lehrer zum Beispiel. Aber wir müssen diesen Weg bis zu Ende gehen, sonst wird es nicht einmal einen Hauch von Vertrauen geben.

Wir haben in Minsk insgesamt 12 Punkte beschlossen, aber es wird dauern, bis sie alle umgesetzt sind.

ZEIT ONLINE: Wie weit ist der Abzug der schweren Waffen?

Klimkin: Festgelegt ist, dass sie jeweils 15 Kilometer von der Sicherheitszone abgezogen werden. Das ist bislang auch nur teilweise passiert, es gibt noch Truppen in der Pufferzone. Um sicher zu sein, dass sie eines Tages alle weg sind, brauchen wir die OSZE als unabhängige Beobachterin im Osten der Ukraine. Doch die OSZE ist nicht da. Niemand überwacht den Gefangenenaustausch und den Waffenstillstand.

ZEIT ONLINE: Warum?

Klimkin: Zum einen ist es der OSZE zu unsicher, zum anderen hat sie noch keine Drohnen zur Videobeobachtung, die dringend gebraucht würden. Wie kann es sein, dass die OSZE Monate braucht, um solche Beobachtungsdrohnen zu beschaffen? Wie kann sie da auf Herausforderungen reagieren? Nötig ist jetzt eine Zusage von russischer Seite, aber auch von Donezk und Luhansk, dass die OSZE-Beobachter in Sicherheit arbeiten können.

ZEIT ONLINE: Vom Flughafen Donezk werden Kämpfe gemeldet...

Klimkin: Die Terroristen versuchen, die Gegend um den Flughafen zu erobern, der von ukrainischen Truppen gehalten wird. Wie es mit dem Flughafen weitergeht, muss die trilaterale Kontaktgruppe verhandeln. Wir haben allerdings nicht vor, ihn einfach so aufzugeben.

ZEIT ONLINE: Sie haben Europa kürzlich um Waffen gebeten. Sind welche angekommen?

Klimkin: Wir haben mit den EU-Ländern darüber gesprochen und mit manchen waren die Gespräche erfolgreich. Wir spüren diese Unterstützung ganz praktisch. Wobei es nicht um Angriffswaffen geht, sondern um defensive Waffen, die wir dringend brauchen. Mit Deutschland gab es vor dem letzten Nato-Gipfel einen Durchbruch, als es Ausrüstung für die Ukraine zugesagt hat. Wir sprechen mit Deutschland definitiv nicht über Angriffswaffen, aber über eine ganze Palette anderer Unterstützung.

ZEIT ONLINE: Der Krieg ist also nicht vorbei.

Klimkin: Wir planen keine militärische Offensive, wir brauchen vor allem eine politische Lösung innerhalb der Ukraine und mit Russland, das ja in diesen Konflikt verwickelt ist. Doch wichtig ist auch eine Armee, die unser Land verteidigen kann. Das Budapester Memorandum von 1994 ist gebrochen worden, wir haben keine Sicherheitsgarantien mehr. Am Ende zählt die Fähigkeit, uns selbst zu verteidigen.

ZEIT ONLINE:  Wie kann die politische Lösung aussehen?

Klimkin: Es geht um einen Modus Vivendi mit Luhansk und Donezk. Sie könnten einen ökonomischen Sonderstatus haben, aber als Teil der Ukraine. Eine Föderalisierung im russischen Sinne ist nicht denkbar. Die Ukraine muss ein europäischer und demokratischer Staat bleiben, das ist unsere rote Linie.