Beginnen wir mit dem Positiven aus seiner Sicht, dem "Zaren", dem "Herkules", dem "osmanischen Putin", wie der russische Präsident in den vergangenen Wochen angesichts seiner Eroberungen in der europäischen Presse betitelt wurde, manchmal vielleicht mit Bewunderung.

In Belarus, das zwischen der Ukraine und Russland liegt, soll im kommenden Jahr gewählt werden. An welchem Tag genau, weiß wohl nur Alexander Lukaschenko, der letzte echte Diktator Europas bestimmt Wahltermine und Wahlergebnisse selbst.

Wenn es so weit ist, wird er in ganz Belarus, selbst in Minsk, wo es einige mutige freiheitsliebende Oppositionelle gibt, von Wladimir Putins Gewinn aus der Ukraine-Krise profitieren: von der Angst.

Eine Journalistin aus Minsk, die namenlos zitiert werden will, sagt: "Viele Belarussen glauben, dass Proteste gegen Lukaschenko nicht geduldet würden." Und falls wie durch ein Wunder doch, "wären wir die nächsten Opfer eines Krieges – das wäre noch schlimmer als die jetzige Diktatur."

Seit der Revolution in der Ukraine vor etwa neun Monaten gibt Wladimir Putin den modernen Imperialisten. Er annektierte die Krim, entfachte den Konflikt im Osten der Ukraine und reagierte auf Wirtschaftssanktionen der USA und der EU mit Gegensanktionen. Mit seiner hybriden Kriegsführung schockierte der russische Präsident die halbe Welt und ließ sich in Russland vor allem als starker Mann darstellen. Erwähnen sollte man dabei jedoch auch den Preis, den sein Land für seine Errungenschaften zahlen muss.

Schon Chruschtschow wurde die Krim zu teuer

Beispiel Krim: Von dort kann die russische Schwarzmeerflotte über die türkischen Meerengen bis in das östliche Mittelmeer vordringen, wie auch schon vor der Annexion. Die Halbinsel hat geostrategischen Wert für Russland. Ansonsten kostet sie vor allem. Bahnverbindungen und Häfen sind veraltet, die Straßen marode. Allein für dieses Jahr hat Russland auf der Krim Investitionen von bis zu fünf Milliarden Euro versprochen. Das größte Problem ist die Versorgung der Bevölkerung. Die meisten Wasser- und Stromleitungen kommen vom ukrainischen Festland. Russland ist auf der Krim also auf die Ukraine angewiesen, zumindest die kommenden Jahre. Deshalb wurde die Halbinsel übrigens einst erst ukrainisch. Als Chruschtschow sie 1954 an den Bruderstaat angliederte, geschah dies nicht, wie oft behauptet, weil der sowjetische Parteichef betrunken war, sondern aus einer Kosten-Nutzen-Erwägung.

Beispiel Donbass: Etwa 4.000 Menschen starben, bevor nun im Osten der Ukraine ein weiterer frozen conflict entsteht. Putin wird versuchen, mithilfe der Separatisten bei Bedarf wieder Kämpfe und Unruhe zu schüren, um die Ukraine damit zu erpressen. Die Lage ist ähnlich wie in anderen von Putin angesammelten Frozen-Conflict-Gebieten: in Abchasien und Südossetien (eigentlich Georgien), in Transnistrien (eigentlich Republik Moldau) und in Berg-Karabach (eigentlich Aserbaidschan).

Putin hat im Donbass einen kleinen Teil der Ukraine in seinen direkten Einflussbereich gezogen. Verloren hat er jedoch die Mehrheit des ukrainischen Volkes, wohl für immer. Anders als nach der Orangenen Revolution vor etwa zehn Jahren wird sich die Ukraine nun politisch endgültig von Russland lösen. Die Abkehr geht so weit, dass in Supermärkten im Westen, Norden und Süden des Landes Extra-Regale aufgestellt werden: Russische Produkte und Lebensmittel werden so kenntlich gemacht und kaum noch gekauft. Viele Ukrainer wollen keinen Hriwna mehr für Produkte aus dem Land des Kriegstreibers zahlen.

Der russischen Wirtschaft wird dieser Konsumboykott nicht sonderlich schaden. Das machen andere, viel schwerer wiegende Probleme, die durch Putins expansive Außenpolitik und die Sanktionen der EU und der USA verstärkt wurden.